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  Über Mithras 1 Sainitzer September 2019 Über Mithras Römermuseum Obernburg (D) Mithräum in der   Casa di Diana (Ostia Antica)   Beide Fotos: Sainitzer    Über Mithras 2 Sainitzer September 2019 Der Mithraskult Der Mithraskult ist ein faszinierender Teilaspekt der antiken römischen Religion: Wie viele antike Mysterienkulte ist er geheimnisumwittert, war aber besonders wirkmächtig in Hinsicht auf die Ausbildung vieler heute bestehender religiöser Riten und Vorstellungen im Christentum. Viele Parallelen zwischen Mithraskult und Christentum sind erstaunlich 1 : Wir wissen, dass es im Mithraskult Vorstellungen von Kampf gegen Sünde 2 , Sündenvergebung und Erlösung, Befreiung / Wiedergeburt zu einem neuen Menschen 3 , mystischer Vereinigung mit dem Gott, eine Art von Priesterweihe und Weihegrade, ein gemeinsames kultisches Mahl mit Brot und Wein 4  sowie Vorstellungen zu einem Leben nach dem Tod 5  gab. Wollen wir nun mehr über Mithras und seinen Kult erfahren, so stehen wir vor dem Problem, dass kein paganer Kult, keine antike Religion ein geschlossenes theologisches Lehrgebäude entwickelt hat. 6  Dadurch gab es große lokale Unterschiede in vielen Details der religiösen Vorstellungen und Riten. 7  Wir finden auch keine geschlossenen Lehrwerke sondern nur zahlreiche verschiedene, stark in Literatur, Epigraphik und Kunst verstreute  –  zuweilen auch nicht zueinander passende - Aussagen und Zeugnisse zu den Kulten. Weiters wurden antike Mysterienkulte meist in kleinen Gruppen gepflegt (Mithrasgemeinden umfassten sehr selten mehr als ca. 25 Personen 8 ), der kultische Zusammenhalt zwischen diesen Gruppen war sehr locker  –  es entstand somit nie ein zusammenhängendes, einheitliches religiös-organisatorisches System wie etwa in der Kirche der Christen. 9  Dazu kommt noch, dass die in die Kulte eingeweihten Mysten zu Stillschweigen verpflichtet waren, kaum etwas aus dem Kreis der Eingeweihten nach außen dringen konnte und nur sehr wenige liturgische Schriften in Umlauf kamen. 10  Die als zum Mithraskult gehörig angesehenen Schriften sind aber bis heute in Bezug auf ihre Zuordnung und Entstehungsumstände nicht ganz unumstritten. 11  Zum Problem der Rekonstruktion der Mithraslegende bzw. des Mithraskultes ein kleines Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, in 2000 Jahren möchte ein Wissenschaftler die christliche Religion unserer Zeit rekonstruieren: Als Quellen hat er dazu einige hundert Grabsteine und Weihinschriften, Reliefs und Bilder, wenige Reste und Grundrisse von Kirchen, einige Listen aus Taufregistern, in der Literatur verstreute Halbsätze von Christen über ihre Religion und mehrere polemische Texte von Gegnern des Christentums. Stellen wir uns nun vor, wie genaue Aussagen ein Wissenschaftler zu unserer christlichen Religion machen könnte. 12   1   B RASHEAR , Catechism S. 52 diskutiert die geäußerte Ansicht, dass der Mithraskult der wichtigste Rivale des Christentums ( the chief rival of Christianity ) gewesen sei.   2   B RASHEAR , Catechism S. 28f.   3   B URKERT ,   Mysterien S. 83  –   86;   D IETERICH ,   Mithrasliturgie besonders S. 159  –   168. Siehe Joh. 3: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.   4  J OBST , Mithrasmysterien S. 33. B RASHEAR , Catechism S. 38f. 5  B URKERT , Mysterien S. 73f.; zum Aspekt der Erlösung im Mithraskult siehe ebd. S. 33. 6  R ÜPKE , Religion S. 69. 7  R ÜPKE , Religion S. 26. 8  C LAUSS ,   Mithras S. 63. 9  B URKERT , Mysterien S. 49 und 53. 10  J OBST , Mithrasmysterien S. 32. Über Schriften des Mithraskultes siehe B RASHEAR , Catechsism S. 45f. 11   B RASHEAR , Catechsism S. 54.   12  Nach C LAUSS ,   Mithras S. 10f.  Über Mithras 3 Sainitzer September 2019 Der Ursprung des Mithraskultes liegt weitestgehend im Dunkel. Viele meinen, er stamme aus dem persisch-iranischen Raum. 13  Deshalb werde Mithras meist in orientalischem Gewand, eine phrygische Mütze auf dem Kopf, dargestellt. 14  Eine andere Ansicht denkt sich den Ursprung des Mithraskultes als eine Äußerung der Sehnsucht nach einer Gottheit, die das Leben des Kosmos kontrollieren kann  –  eine rein kosmologisch - astrologisch - astronomisch entstandene und erklärbare Gottheit. 15  Zutritt zu diesem Kult hatten nur Männer, er war besonders bei Soldaten sehr beliebt 16 , die Anhängerschaft rekrutierte sich aber aus allen Gesellschaftsschichten, besonders aus dem Mittelstand. 17  Wir können annehmen, dass der Mithraskult in Rom gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus schon so weit bekannt war, dass der Dichter Statius 18  ihn um das Jahr 90 unter römischen Kulten erwähnte und davon ausgehen konnte, dass die Leser seine Anspielung ohne weitere Erklärung verstanden. Seine Blütezeit erlebte der Kult dann ab der Mitte des zweiten Jahrhunderts; er war im ganzen Imperium Romanum verbreitet. In der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts bemerken wir einen gewissen Aufschwung des Kultes, als er im Zuge der sogenannten heidnischen Erneuerung 19  eine Rolle spielte. Im Jahre 391 wurden aber 13  Über die lateinische Form Persei  (Statius, Thebais 1, 719f.: seu  Persei  sub rupibus antri … zu dieser Stelle sieh auch unten Anm. 18. ), die nicht „persisch“  bedeute, sondern sich auf Perseus beziehe siehe U LANSEY , Misteri S. 38. Er zeigt viele Parallelen zwischen dem Kampf des Mithras mit dem Stier und dem Kampf des Perseus gegen Medusa auf  –   wie z.B. das vom Stier abgewandte Haupt des Mithras: Diese Haltung entspreche dem von Medusa abgewandten Haupt des Perseus: siehe U LANSEY , Misteri S. 39ff.. Ulansey argumentiert in der Folge scharfsinnig, dass der Mithraskult eben nicht aus Persien stamme, sondern in Tarsos von den Piraten, die mit Mithridates  –   davon abgeleitet der Name des Gottes Mithras - verbunden waren, entwickelt wurde (U LANSEY , Misteri S. 98  –   100). 14  C LAUSS ,   Mithras S. 14 und P ORTER , Vorderer Orient S. 67. 15  U LANSEY , Misteri S. 94f. und passim. 16   Die genaue Übersetzung des indoiranischen Wortes „  MITHRA “ bedeutet „Vertrag“, „Vertragserfüllung“ (F AUTH , Mithras Sp. 1359.), was vielleicht ein gewisses Licht auf die Anforderungen an die Mithrasjünger wirft und einen Hinweis darauf liefert, warum gerade im militärischen Bereich der Kult viele Anhänger fand. 17  C LAUSS ,   Mithras S. 36 bemerkt die interessante Tatsache, dass anders als das Christentum der Mithraskult in der römischen Oberschichte, in der Führungsschicht des Imperium Romanum nie wirklich Fuß fassen konnte: So finden wir nur wenige Zeugnisse von Senatoren oder Rittern als Anhänger des Mithras. 18  Statius (45  –   96 n. Chr.) schreibt in seinem Werk Thebais ( Theb. 1, 719f  .): …(seu prae stat) ...  Persei  sub rupibus antri | indignata sequi torquentem cornua Mithram . (= oder es besser ist … dem Mithras zu folgen, der unter dem Felsen einer persischen (zu „  persisch “ siehe oben Anm. 13) Grotte die widerspenstigen Hörner zurückbiegt.) Statius schildert Mithras als Gott aus persischem Zusammenhang und geht davon aus, dass der Leser dieser Stelle die Erwähnung der Hörner mit der Tauroktonie assoziiert. (C LAUSS ,   Mithras S. 28.) 19  Zum letzten Aufbäumen der antiken Religion siehe z.B.: F UHRMANN , Spätantike S. 59  –   67 und P FEILSCHIFTER , Spätantike S. 108  –   120. Sehr pointiert erzählt über das gar nicht von vornherein entschiedene politische Schwanken zwischen Heidentum und Christentum V EYNE , Als unsere Welt christlich wurde S. 102  –   104. Felsgeburt des Mithras (Köln)   https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/CURZ7XB2EPWGJJCXCBHYFVC47YX7KIYF (21.08.2015).  Über Mithras 4 Sainitzer September 2019 heidnische Kultdienste per Edikt verboten; aus diesem Jahr stammt auch das letzte epigraphische Zeugnis des Mithraskultes. 20  Was erzählt nun der Mythos  von Mithras? Frustrierender Weise müssen wir erkennen, dass keine geschlossene Erzählung über Mithras erhalten ist, die uns die Legende im Zusammenhang erzählen könnte 21 . Daher seien hier die wichtigsten Elemente der Erzählung mosaikhaft aufgelistet 22 , der inhaltliche Zusammenhang bleibt uns im Detail verborgen. Felsgeburt Mithras wird als der „aus dem Felsen geborene Gott“ bezeichnet. Der Felsen symbolisiert dabei den Kosmos wie es auch die Höhle tut. Mithras ist das Licht, er wird am 25. Dezember geboren (wie auch Sol Invictus). Auf vielen Darstellungen wird bei der Geburt des Mithras aus dem Felsen / der Erde auch eine Schlange als das mit der Erde am engsten verbundene Tier gezeigt. Wasserwunder Mithras schießt mit einem Pfeil auf einen Felsen, aus dem daraufhin Wasser hervorbricht. Mithras wird dadurch als Gott des Lebens und der Fruchtbarkeit charakterisiert. Oft befand sich in der Nähe eines Mithräums eine Quelle oder ein Fluss. 23   Stieropfer Stiertötung –   Stierraub In vielen antiken Mythen gilt der Stier als Symbol für Fruchtbarkeit  und Stärke, seine Tötung/Opferung 24  stellt ein häufiges Motiv in vielen Mythen dar. In dieser Vorstellung geht vom Stier eine magische Kraft  aus: diese Kraft sitzt in seinem Blut , in seiner Haut , in seinem Samen , in seinem Schweif  . So wachsen in den Mithras-Stiertötungsszenen ( Tauroktonie ) aus der blutenden Halswunde des Stieres oft Weintrauben, sein Schweif geht oft in Ähren aus.   Bei der Stiertötung durch Mithras geht es nicht um die Tötung und Vernichtung des Tieres, sondern um Verwandlung , um Wiedergeburt  des Lebens aus dem Tod:  „Der Stier wird geopfert, damit neues Leben entstehen kann, das Mithras bringt, der Gott des Lichts, der Sonnengott, ein wahrhaft allmächtiger Gott.“    25  Mithras bringt Licht und Leben. Durch die Tötung des Stieres wird nicht nur Leben auf der Erde geschaffen, sondern das ganze Weltall entsteht daraus. 20  C LAUSS ,   Mithras S. 27  –   35. 21  B URKERT , Mysterien S. 62. 22  Diese Auflistung folgt C LAUSS ,   Mithras S. 65  –   97. 23  C LAUSS ,   Mithras S. 74. cf.: Beim Besuch des Mithräums unter San Clemente (Rom) hört man Wasser rauschen! Oft befinden Mithräen sich in Thermenanlagen (in Ostia Antica und z.B. das Mithräum unter den Caracallathermen in Rom); einen „kultischen Brunnen“ finden wir z.B. in Ostia Antica im sogenannten  Mitreo delle Sette Sphere : P AVOLINI , Ostia S. 75. So auch B RASHEAR , Catechism S. 40. 24  K ERENYI , Antike Religion S. 98f. 25  C LAUSS , Mithras S. 81. Mithras als Stierträger (Mithräum Ptu j: http://www.slovenia.info/en/sakralna-dediscina/Mithras-shrines.htm?sakralna_dediscina=9732&lng=2 Siehe auch: Ubi erat lupa: http://www.ubi-erat-lupa.org/monument.php?id=9325   Über Mithras 5 Sainitzer September 2019 Der Tötung des Stieres gehen eine Jagd  auf selbigen und ein langwieriger Kampf mit ihm voraus. 26  Mithras muss mit dem Stier kämpfen, bis dessen Kräfte erlahmen, und ihn dann entführen (polemisch wir er vom christlichen Dichter Commodianus mit Cacus, dem Sohn des Vulcanus, der die Rinder des Herkules gestohlen hat, verglichen   siehe den Text weiter unten). Schließlich kann er ihn wegtragen und in einer Höhle töten.  „Mithras vollbringt eine Tat, die von den Menschen nachvollzogen werden konnte; wenn er sich dem Gott anschloss, dann hatte er Anteil an dessen Kraft. Mithras ist der unbesiegte (= Invictus) und durch ihn wird es auch der Mensch, zumindest in der Vision als Vorgriff dessen, was die Seele nach dem Tod erwartet.“    27  Eine astrologisch-astronomische Deutung der Tauroktonie zeigt Mithras als Perseus, der das am Himmel unter ihm erscheinende Sternbild des Stieres tötet. Die Darstellung der Tauroktonie sei damit eine „Himmelskarte“ 28 , die einen den Kosmos regierenden Gott verheißt. Es gäbe hier einen Zusammenhang mit der Entdeckung des Zyklus der Präzession 29 , der gegen Ende des zweiten Jahrhunderts. vor Christus von Hipparchos entdeckt wurde und vielleicht zur Grundlage des Mithrasmythos wurde. 30   Dadophoren Die Dadophoren (= Fackelträger) sind auf den epigraphischen Zeugnissen fast ständige Begleiter des Mithras. Oft stehen sie mit gekreuzten Beinen da, meist gekleidet wie Mithras in orientalische Kleidung, die phrygische Mütze auf dem Kopf: Cautes hält eine Fackel aufrecht, Cautopates hingegen hält eine zum Boden geneigte Fackel. Der Symbolgehalt dieser beiden Figuren geht  –  aller Wahrscheinlichkeit nach  –  wohl in die Richtung einer Licht- bzw. Lebensmetaphorik: Sie stellen das Aufgehen bzw. das Untergehen der Sonne dar oder das freudige Leben (Fackel oben) und den Tod (Fackel unten); oder Cautes allein als Symbol für Fruchtbarkeit und Wachstum, wenn er ohne Cautopates dargestellt wird, was zuweilen vorkommt. Zu den Spekulationen über den Mithrasmythos, die sich auf bildliche Darstellungen stützen, sagt C LAUSS : „ Wir müssen uns eingestehen, dass viele Bilder stumm bleiben. Es 26  C LAUSS , Mithras S. 75 -78. 27  C LAUSS , Mithras S. 88. 28  U LANSEY , Misteri S. 24. 29  https://de.wikipedia.org/wiki/Zyklus_der_Präzession (29.10.2018). 30  U LANSEY , Misteri S. 91f. Über den Zusammenhang von kosmischer Herrschaft eines Gottes und der Astronomie, auch mit Parallelen aus der Ägyptischen Mythologie und der christlichen Religion (cf. Paulusbriefe), siehe U LANSEY , Misteri S. 94f.   Cautes https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dadophorus_Cautes_MAR_Palermo_NI1541.jpg    Cautopates https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DSC00243_- _Cautopates,_dadoforo_di_Mithra_-_sec._III_d.C._- _Foto_di_G._Dall%27Orto.jpg (21.08.2015).
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