Review: SALK, GUNDULA: Die Morphologie der Sarbagïš: Zur Pragmatik der Konstruktion eines kirgisischen Stammes. Berlin 2014 (Studien zur Sprache, Geschichte und Kultur der Türkvölker 15). In: Orientalistische Literaturzeitung 113/3 (2018), 2

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  Zentralasien Salk, Gundula:  Die Morphologie der Sarbagï   š  . Zur Prag-matik der Konstruktion eines kirgisischen Stammes. Ber-lin: Klaus Schwarz Verlag 2014. 333 S. 8° = Studien zurSprache, Geschichte und Kultur der Türkvölker 15. Lw.  € 84,00. ISBN 978-3-87997-435-1. Besprochen von  Jens Wilkens:  Göttingen / Deutschland,E-Mail: jens.wilkens@phil.uni-goettingen.dehttps://doi.org/10.1515/olzg-2018-0087 Spätestens seit ihrer Dissertation, 1 die sich ebenfalls mitdem literarischen Genre der  sanjïra  (< arabisch  š  a  ǧ  ara )auseinandersetzt, darf Gundula Salk als eine führendeKirgizstan-Expertin gelten. Beschäftigte sich ihre Disser-tation noch mit der  „ informellen Geschichte “  (kirg.  sanjï-ra ) des Stammes der Sayak, so analysiert sie in dem zubesprechenden Werk die Überlieferung zum Stamm derSarbagï  š . Die in der westlichen Forschung nur wenig be-kannte Literaturgattung der  sanjïra , die interessante Ein-blicke in die Mentalitätsgeschichte und Identitäts-konstruktion Kirgizstans in Vergangenheit und Gegen-wart erlaubt, wird durch das vorliegende Buch nochbesser verständlich. Grundlage der Untersuchung ist einManuskript (180 S.) des bedeutenden  sanjïra -TradentenJapar Ken č ievs, der im Jahr 2006 in Bi š kek verstarb, dendie Autorin aber noch persönlich befragen konnte. DieSarbagï  š  gehören zur größeren Einheit der Bagï  š -Stämmeund sind dafür bekannt, dass sie die Tradition der  sanjïra besonders pflegen. Auch Askar Akaev (*10. November1944), erster Präsident der postsowjetischen RepublikKirgizstan, 2 gehört den Sarbagï  š  an.Das Werk gliedert sich in drei Hauptteile (Teil I:  „ Vonder Ahnentradition zur Geschichtsversion  –  die Sand-schyra der Sarbagï  š  von Japar Ken č iev “ ; Teil II:  „ DieKonstruktion des Stammes der Sarbagï  š “ ; Teil III:  „ DerZweig von Manap innerhalb der Sarbagï  š “ ), 3 einen Epilogund die Appendices. In Teil I berichtet die Verfasserin,dassderUrsprungderSarbagï  š inemischerSichtweisebeiden vier vermeintlichen Söhnen des Döölös, nämlich To-ko, Jantay, El č ibek und Manap, verortet werde. Danachbegännen die  „ heroisch-dynastischen “  Linien. Fernerwird die seit der Perestroika (1985 – 1989) wieder Relevanzbesitzende Gattung der  sanjïra  im Allgemeinen charak-terisiert. In der postsowjetischen Periode diene sie dazu,den Deszendenzgruppen (= Segmenten)  „ ihre Stellunginnerhalb des föderativen  ‚ nationalen Gefüges ‘  zuzu-weisen “  (S. 28), während sie früher aus Gründen der Be-achtung vorteilhafter Heiratsbeziehungen tradiert wurde.Die Verfasserin notiert auch Informationen zur BiografieJaparKen č ievssowiezuseinenGewährsmännernunddenQuellen,dieerfürseinWerkverwendethat.Hierzuzählenandere  sanjïra -Überlieferungen und historische Werke,aberauchwissenschaftlicheLiteratur.Bemerkenswertist,dass Ken č iev auch konkurrierende Überlieferungen no-tiert. Der erste Teil der Studie klärt auch wichtige genea-logische Termini bzw. verweist auf die Unschärfe solcherBenennungen im Kirgisischen. In Bezug auf die Sarbagï  š spricht Salk dann auch von  „ Konglomerat “  (S. 73), umsich nicht auf die Benennung  „ Stamm “  oder  „ Clan “  fest-zulegen. Salk stellt auch die Einheit der  „ Minimal Linea-ge “  vor, die als  jeti ata  ( „ sieben Väter “  bzw.  „ sieben Ah-nen “ ) im Kirgisischen erscheint. Die Rolle der Ahnen unddie legendären Ursprünge der Sarbagï  š  werden in Teil IIbehandelt. Außerdem werden Etymologie und Aitiologiedes Namens untersucht. Die Dynamik der Konstruktiondes Stammes wird in diesem Abschnitt deutlich, was sichbesonders an der Institution der Ziehsöhne ablesen lässt,die z. T. kasachischer Herkunft sind. Teil III widmet sichdenjenigen  „ heroisch-dynastischen “  Linien der Sarbagï  š ,die auf Manap zurückgeführt werden. Enthalten ist eineArt Prosopografie der Protagonisten dieses Zweiges. AuchAllianzen und Heiratsbündnisse sowie Konflikte inner-halb bestimmter Clans wird Aufmerksamkeit geschenkt.Desgleichen werden die zwei Lager der Sarbagï  š  im 19. Jh.behandelt: einerseits die Gruppe von T ı nay vor allem un-ter Jantay und andererseits die Gruppe der Esengul ins-besondere unter Ormon. Im Epilog wird die Frage unter-sucht, welche historischen Ereignisse zur Formation derSarbagï  š  geführt haben könnten, wobei bestimmteSchnittstellen in der Gestalt charismatischer Führer auf genealogischen Tafeln besonders markiert sind. Den Ur-sprung des auf eine Tierbezeichnung zurückzuführendenEthnonyms Sar[ï]bagï  š  (,gelber Elch ‘ ) weist die Ver-fasserindermythischenZeit,den darkages ,zu.Diebereitsoben erwähnten vier Söhne des Döölös (Toko, Jantay, El- č ibekundManap)geltender sanjïra zufolgealsBegründerder Sarbagï  š . Die Nachrichten zu den genealogischenKetten der vier Söhne ergäben, so die Auffassung vonSalk,keineinheitlichesBild.EineNachbetrachtungdesinden Teilen I – III Referierten schließt sich an. Hieranknüpfen sich auch vorsichtig vorgetragene Datierungs- 1  Gundula Salk,  Die Sanjïra des Togolok Moldo (1860 – 1942) , Wies-baden 2009. Vgl. die Besprechung von Karl Reichl in OLZ 107(2012), 206 – 207. 2  ErmussteimJahr2005imZugederTulpen-RevolutioninsAuslandflüchten. Vgl. Erica Marat,  The Tulip Revolution: Kyrgyzstan one Year  After   –  March 15, 2005   –  March 24, 2006 , Washington, DC 2006.  3  Teil I enthält zudem einen Exkurs, Teil III deren sieben. Orientalistische Literaturzeitung 2018; 113(3): 274 – 277  Angemeldet | jens.wilkens@phil.uni-goettingen.de Autorenexemplar Heruntergeladen am | 29.10.18 07:19  vorschläge zu einigen Protagonisten an. Die Appendicesenthalten 27 unverzichtbare genealogische Tafeln, einVerzeichnis der  „ namhaften patrilateralen Ahnen undVertreter der Sarbagï  š “  (mit Stellenangaben), eine Biblio-grafie 4 und einen Index. 5 Im Gegensatz zu ihrer Dissertation, die den Text der sanjïra  des Togolok Moldo in Übersetzung sowie in Ky-rilliza und Transkription enthält, hat sich Salk bei vor-liegender Publikation entschieden, auf eine Wiedergabedes Originaltextes zu verzichten. 6 Stattdessen werdenmehr oder weniger lange Textauszüge in Übersetzungpräsentiert, wenn sie für die Analyse wichtig sind. Zitatund Paraphrase können aber alternieren. Auf das kirgi-sischeOriginalwirdnurBezuggenommen,wennwichtigeTermini technici diskutiert werden. Besonderheiten derLebensumstände und der Wirtschaftsweise der Kirgisenscheinen ebenso wie die Schönheit der Landschaft in denTextauszügen auf.Die Analyse der  sanjïra  widmet sich vorwiegend his-torischen und sozio-politischen Aspekten sowie perso-nenbezogenen Fragen und geht weniger auf erzähltech-nischeVerfahrendesOriginalsein.HervorzuhebenistdasBemühen um eine exakte Begrifflichkeit, wobei sich dieVerfasserin auf Werke der Soziologie, Sozio-Linguistik,Anthropologie sowie der Geschichts- und Kulturwissen-schaft bezieht, ohne turkologische Sekundärliteratur zuvernachlässigen. Das Material der Quelle wird in sorg-fältiger Weise erschlossen, und ihr Fachwissen erlaubt esderAutorin,denteilweisesperrigenStoffkenntnisreichzuanalysieren und zu präsentieren. Sie kann eindrucksvollzeigen, dass sie über die umfassenden geografischen undhistorischen Kenntnisse verfügt, die für die Einordnungder im Text berichteten Ereignisse vonnöten sind.Die Anmerkungen sind sehr ausführlich und lassenkaum etwas zu wünschen übrig. Allein bestimmte folk-loristischeMotive(NeugeborenewerdendurchwildeTieregesäugt, Schwanenmädchen usw.) hätten vielleicht  – aber dies ist vermutlich eine Frage der persönlichen Inte-ressen – eineausführlichereBehandlungverdientgehabt.Es ist sehr verdienstvoll, dass die Autorin eine wenigbeachtete Quellengattung, die aber in Zentralasien großeBedeutung genoss und heute wieder genießt, durch eineumfassende Analyse eines gewichtigen Beispiels bessererschließt. Markley,Jonathan: PeaceandPeril. SimaQian ʼ sportrayalof Han  –  Xiongnu relations. Turnhout: Brepols 2016. XIII,302 S. 8° = Silk Road Studies 13. Brosch.  €  65,00. ISBN978-2-503-53083-3. Besprochen von  Paul R. Goldin:  Yardley / USA,E-Mail: prg@upenn.eduhttps://doi.org/10.1515/olzg-2018-0088 In this srcinal and persuasive book, Jonathan Markleyargues that Sima Qian ʼ s portrayal of Han-Xiongnu rela-tions in Shiji 史 記 is not believable  –  at one point, he saysit “ isnotjustmisleading:itisdishonest ” (8) – becauseitistoo often contradicted by other sources. Specifically,Markley contends that Sima misrepresented the so-called heqin 和 親 policy, which characterized Han-Xiongnu re-lations before Emperor Wu 武 帝 (r. 141 – 87 B.C.), as moreeffectivethanitreallywas,andEmperorWu ʼ ssubsequentmilitaryactionagainsttheXiongnuaslesseffectivethanitreally was. Sima ʼ s motivation for this calumny, accordingto Markley, was retribution for having been unjustly ca-strated at Emperor Wu ʼ s orders.After the introduction, which contains a judicious re-view of the multi-ethnic, pastoralist political union calledXiongnu (10 – 25), 1 the book addresses the Han govern-ment ʼ s attempts to deal with this persistent threat, reignby reign. Markley is adept at exploiting contradictions,both within Shiji and between Shiji and other con-temporarytexts.Forexample,onekeypieceofevidenceisan alleged conversation between Emperor Gaozu 高 祖 (r.202 – 195 B.C.) and his cherished advisor Liu Jing  劉 敬 , 4  Ganz gelegentlich finden sich kleinere Versehen. So fehlt die auf S. 26 (Anm. 10) zitierte Studie von Mostowlansky im Literaturver-zeichnis. Vgl. Till Mostowlansky,  Islam und Kirgisen on Tour: die Re- zeption  „ nomadischer Religion “   und ihre Wirkung  . Wiesbaden 2007.  5  Der Index erschließt leider nur die Personennamen sowie Ethno-nyme, Clan-Bezeichnungen usw., Termini technici und Ortsnamenwerden leider nicht erfasst. 6  Es ist sehr zu begrüßen, dass der Klaus Schwarz Verlag die kyril-lisch-kirgisische Version der  sanjïra  sowie eine kommentierte Über-setzung der Verfasserin auf seiner Homepage als Download zur Ver-fügung stellt. Die entsprechende URL findet sich am Ende des Bu-ches. Der Download der kommentierten Übersetzung als E-Book istallerdings kostenpflichtig. 1  Ihaveonecommentonthissection.Referringtotheevidentlylargenumber of Chinese subjects who either were captured by or defectedto the Xiongnu, Markley writes:  “ Whatever the exact total number of people who left Han territories to live amongst the Xiongnu, it wasclearly a large number of people. I am not aware of any studies thatattempt to answer the question of what happened to these people ” (19). Chinese sources did remember them, however. The later scho-liast Yan Shigu 顔 師 古 (A.D. 581 – 645) wrote:  “ In Qin times, therewere people who fled to the Xiongnu; today, their descendants arestill called  ‘ Qin people ʼ ”  秦 時 有 人亡 入 匈 奴 者 ,  今 其 子孫 尚 號 秦 人 .See Hanshu  漢 書  (Beijing: Zhonghua, 1962), 94A.3782 ( “ Xiongnuzhuan ” 匈 奴 傳 ). OLZG 113-3 (2018), Zentralasien  275  Angemeldet | jens.wilkens@phil.uni-goettingen.de Autorenexemplar Heruntergeladen am | 29.10.18 07:19
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