Publizieren. Ein Bericht aus der interdisziplinären Wissensvermittlung – Interview mit Kerstin Germer

Please download to get full document.

View again

All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
 4
 
  Interview zu den Zusammenhängen zwischen Experimentieren und Publizieren sowie den Herausforderungen interdisziplinärer Veröffentlichungen.
Share
Transcript
  Publizieren Ein Bericht aus der interdis ziplinären Wissens  vermittlung Interview mit Kerstin Germer         2       6       5        P     u       b       l       i     z       i     e     r     e     n Ein Bericht aus der interdisziplinären Wissensvermittlung   Kerstin Germer ist Literaturwissenschaftlerin und hat als Editori-sche Koordinatorin des Exzellenzclusters  Bild Wissen Gestaltung   zahlreiche Publikationen unterstützt sowie die Entwicklung neuer Formate an der Schnittstelle zwischen analog und digital vorange-trieben. Wir haben mit ihr über die Zusammenhänge von Expe-rimentieren und Publizieren sowie über die Herausforderungen interdisziplinärer Veröffentlichungen gesprochen.  Hrsg.: Was hat Experimentieren mit dem  wissenschaftlichen Publikationswesen zu tun? Kerstin Germer: Sehr viel, denn Ergebnissicherung und Reflexion sind unabdingbare Bestandteile des Forschens und Experimen-tierens. Ich würde sogar sagen, dass das experimentelle Forschen einen Teil seines Erfolgs daraus zieht, dass es einen gewis sen Zwang zur Niederschrift des Geschehenen, Gedachten und Gesag-ten gibt. Erst die wissenschaftliche Veröffentlichung macht das Experiment für andere Forschende nachvollziehbar und verbreitet die gewonnenen Erkenntnisse weiter. Auf der anderen Seite besteht  jedoch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der experimentel-len Herstellung des Wissens, die durch Theorien und Methoden streng kontrolliert und reglementiert wird, und ihrer Darstellung, die ganz eigenen, wissenschaftsexternen Grundsätzen folgt. 1  Das Publizieren ist in der Funktionsweise der akademischen Gemein-schaft ja nicht nur elementar für die Kommunikation neuen Wis-sens, sondern auch hinsichtlich Reputationsaufbau und Leistungs-messung. Deshalb kommt den Orten der Veröffentlichung – wissen- schaftlichen Fachzeitschriften, Reihen namhafter HerausgeberIn-nen oder renommierten Verlagen – so eine zentrale Bedeutung zu. Diese oft disziplinspezifischen Veröffentlichungsorgane haben sich  jedoch aus verschiedenen Publikationstraditionen heraus entwi-ckelt und können je nach Format vollkommen unterschiedliche Selektionsmechanismen und Qualitätskontrollen beinhalten. Für eine gelungene Kooperation zwischen Forschung und Verlagswesen 1 Siehe zu diesem Phänomen das Themenheft Esposito, Elena (2005) (Hg.): „Wissenschaftliches Publizieren: Stand und Perspektiven“. Soziale Systeme.  Zeitschrift für soziologische Theorie , Jg. 11, H. 1. Stuttgart: Lucius & Lucius.  Interview mit Kerstin Germer gilt es außerdem nicht nur Wissenschaftlichkeit und Wirtschaft-lichkeit in Einklang zu bringen, sondern auch Ergebnisse möglichst öffentlichkeitswirksam zu präsentieren. Wissenschaftliches Publizieren und Experimentieren stehen sich deshalb sowohl diametral als auch einander bedingend gegenüber. Sie lassen sich  jedoch auch direkt aufeinander beziehen, denn das Publizieren kann ebenfalls experimentell erfolgen.  Was genau verstehen Sie unter experimentellem Publizieren? Ist es wirklich möglich, in der aktuellen wissenschaftlichen Publikationslandschaft experimentell vorzugehen? Experimente sind beim wissenschaftlichen Publizieren tatsächlich keineswegs selbstverständlich, da es in erster Linie auf das Funk-tionieren in der sozialen Gemeinschaft abzielt und nicht unbedingt permanent auf neue Innovationsschritte gerichtet werden kann. Im Vordergrund stehen für die meisten Forschenden ja wie gesagt Qualitätssicherung, Kreditierung und Steigerung des Renommees – alles Aspekte, die auf Seriosität angewiesen und damit naturge-mäß eher konservativ sind. Experimentelles Publizieren bedeutet dagegen, das Darstellungsformat selbst zum Forschungsgegenstand werden zu lassen. Das heißt, Experimente werden nicht nur beschrieben und abgebildet, sondern finden sich im Format selbst wieder. Da man sich dabei jedoch meist jenseits der etablierten Organe bewegt, erfordert es von Seiten der Forschenden einen gewissen Mut und Risikobereitschaft. Es ist aber definitiv möglich. Faktoren wie die Ökonomisierung und Monopolisierung des Verlagswesens, die dadurch bedingte Medialisierung von For-schungsinhalten, aber auch die steigende Bedeutung wissenschaft-licher Selbststeuerungsmechanismen durch formale Leistungsbe-wertung und Evaluation werden ja gerade in jüngster Zeit heftig kritisiert. 2  Es treten immer mehr Universitäts- und alternative Klein- sowie Open-Access-Verlage in Erscheinung, die Veröffentli-chungswege jenseits von High-Impact-Journals und Großverlagen bieten. Nicht zuletzt ist es die Wissenschaft selbst, die sich ihre Kommunikationskanäle mehr und mehr zurückerobert und eigene Strukturen entwickelt. Besonders mit der Forderung nach offener Wissenschaft und dem Übergang zum elektronischen Publizieren gehen außerdem verschiedene Veränderungsprozesse des wissen-schaftlichen Kommunikationssystems einher, die experimentelle Wissenschaft fördern und verbessern können. Eingeleitet wird eine Fokusverschiebung vom wissenschaftlichen  Ergebnis   hin zu den 2 Vgl. dazu ausführlich Weingart, Peter und Taubert, Nils (2016): Wissenschaftliches  Publizieren. Zwischen Digitalisierung, Leistungsmessung, Ökonomisierung und medialer  Beobachtung  . Berlin: de Gruyter.         2       6       7        P     u       b       l       i     z       i     e     r     e     n Ein Bericht aus der interdisziplinären Wissensvermittlung  Prozessen  der Forschungsarbeit und ihren unterschiedlichen Stadien während des Publikationskreislaufs. Vor diesem Hintergrund wird zum Beispiel die steigende Bedeutung von Forschungsdaten beim Publizieren gerade im natur- und sozialwissenschaftlichen Bereich verständlich. Aber auch die Geisteswissenschaften profitieren von neuen Kommunikationsformen wie Bloggen und Twittern. Das unter experimen tellen Gesichtspunkten interessante Stichwort Prozesspublikation lässt sich also doppelt verstehen – einerseits als den Ergebnissen zeitlich vorgeschalteter Zwischenschritt, anderer-seits als Schritt der Nachvollziehbarkeit zu Dokumentationszwe-cken. Wichtig ist, dass sich die Wissenschaft ihre Formate selbst sucht und die Form nicht über den Inhalt gestellt wird. Deshalb lassen sich Publi kationswege auch nicht vorschreiben, sondern sie müssen einen bestimmten Bedarf erfüllen. Und der ist in einigen wissenschaftlichen Bereichen experimenteller ausgerichtet als in  Abb. 1. ID+Stage/ID+Publication/ID+Backstage, ID+Lab, Bild Wissen Gestaltung   2018.
Related Search
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks
SAVE OUR EARTH

We need your sign to support Project to invent "SMART AND CONTROLLABLE REFLECTIVE BALLOONS" to cover the Sun and Save Our Earth.

More details...

Sign Now!

We are very appreciated for your Prompt Action!

x