NS-Geschichte - gedemütigt-geschunden-gemordet - Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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  This chapter was written in 2010 upon request of the community of St. Georgen/Gusen, Austria to be included into a history book of this market community in order to give basic information about the role of this rural town during the Nazi period to
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  99 NS-Geschichte  gedemütigt – geschunden – gemordet  Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus  100 400 JAHRE MARKT ST.GEORGEN Vorwort  D er nachfolgende und für das gegen-wärtige Geschichtebuch geringfügig überarbeitete Aufsatz von Ing. Rudolf A. Haunschmied wurde durch die Markt- gemeinde St. Georgen/Gusen erstmals im Jahre 1989 in einem zum Jubiläum „300 Jahre erweitertes Marktrecht St. Georgen/Gusen“ herausgegebenen Ge-schichtebuch publiziert. Die Publikation dieses Aufsatzes sollte sich in den Jah-ren nach 1989 als grundlegend für die Auseinandersetzung weiter Teile der Bevölkerung mit der Zeit des National-sozialismus erweisen, die weit über das Gemeindegebiet von St. Georgen hinaus ging. So stellte dieser Aufsatz im Jahre 1989 eine der ersten Möglichkeiten für die regionale Bevölkerung dar, sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges um-fassender über die schrecklichen und in ihrer Gesamtheit kaum überlieferten Ent-wicklungen während der NS-Zeit in der Region zu informieren. Das durch diesen Aufsatz in der Bevölkerung geweckte In-teresse für die damals bereits jahrzehn-telang tabuisiert gewesene Bedeutung der Region für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik führte durch das Engagement der damaligen Leiterin der Volkshochschule der Arbeiterkammer, Frau Mag. Andrea Wahl, zu einem umfas-senden Erwachsenenbildungsprogramm, in welchem interessierte Teile der Bevöl-kerung in Studienzirkeln und unzähligen „Historischen Wanderungen“ ihr Wissen um den damals bereits so gut wie verlo-ren gegangenen, tragischen Teil der Orts-geschichte vertiefen konnten. Diese lang-jährigen und ehrlichen Bemühungen um die Erinnerung an diese Schreckensperi-ode führte schließlich zur Gründung der Plattform „75 Jahre Republik – Von der Vergangenheit zur Zukunft“ in welcher für das Jahr 1995 in einer beispiellosen, alle politischen Parteien, Vereine und mehrere Gemeinden überspannenden In-itiative zum 50. Jahrestag der Befreiung der ehemaligen Konzentrationslager Gu-sen I, II & III erstmals eine gemeinsame lokal-internationale Gedenkfeier zwi-schen Überlebenden und Teilen der im Umfeld der ehemaligen KZ-Lager leben-den Bevölkerung veranstaltet werden konnte. Dieser Aufsatz, das Engagement der lokalen Volkshochschule und die Be-mühungen aller in der damaligen „Platt-form“ mitwirkenden Organisationen führten schließlich zu einer seit dieser Zeit anhaltenden Befassung und Aufar-beitung der bereits verschüttet gewese-nen Geschichte der Konzentrationslager von Gusen in der Wechselwirkung mit dem heute in Kreisen der Wissenschaft immer öfter auch als KZ-Doppellager ver-standenen Konzentrationslagerkomplex Mauthausen-Gusen im In- und Ausland. Aus den zahlreichen seit 1989 entstan-denen Publikationen, Websites, Veran-staltungen, Kunstprojekten, Denkmälern und Video- wie Rundfunkproduktionen sei hier auf den 2007 durch National-ratspräsidentin Mag. Barbara Prammer eröffneten Audioweg Gusen (www.au-dioweg.gusen.org) des aus St. Georgen stammenden Künstlers Christoph Mayer chm. hingewiesen, dessen Zustandekom-men ebenfalls dem vorbildlichen Zusam-menwirken der Gemeinden Langenstein und St. Georgen/Gusen mit dem Gedenk-dienstkomitee Gusen, dem Kulturverein Tribüne und dem Bundesministerium für Inneres zu verdanken ist und der die Gemeinden Langenstein und St. Georgen in diesem schweren historischen Erbe einmal mehr verbindet. Als Gemeinde sind wir uns heute dank der seit mehr als zwanzig Jahren von vielen Engagier-ten ehrenamtlich geleisteten Forschungs- und Gedenkdienstarbeit der Bedeutung der Region im weltgeschichtlichen Kontext des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges bewusst und wollen das Ge-denken an diese menschenverachtende Zeit in unserer Region als Warnung und Lehre für künftige Generationen aus al-ler Welt bewahren. Der Reprint dieses bahnbrechenden Aufsatzes in diesem neuen Geschichtebuch der Marktge-meinde St. Georgen/Gusen möge dieses ehrliche Bemühen erneut zum Ausdruck bringen.Die Gemeindevertretungvon St. Georgen/Gusen  ZEITGESCHICHTE 1938–1945 101 Vorwort zum seinerzeitigen Aufsatz  „1938/1945 – Zum Gedenken“  K aum ein anderer Ort in Österreich weist ein ähnlich dunkles Kapitel seiner Ortsgeschichte auf wie St. Geor-gen an der Gusen. Dieser Zeitabschnitt entzog sich trotz oder gerade wegen sei-ner großen Bedeutung für die Entwick-lung dieses Ortes in sehr hohem Maße dem Bewusstsein der Bevölkerung von St. Georgen und seiner kulturgeschich-lich mitgewachsenen Umgebung. Diese für die Entwicklung unseres Ortes mit seiner Umgebung wichtigen Jahre wur-den nunmehr fast ein halbes Jahrhun-dert nur oberflächlich in ihrer direkten Auswirkung auf unsere Umwelt zur Kenntnis genommen. Das für eine Ge-meinde aber äußerst wichtige Selbstver-ständnis konnte, was besonders diese Zeit betrifft, bis heute nicht gewonnen werden, weil die Bevölkerung damals weder in die Vorgänge mit einbezogen wurde, noch diese in irgendeiner Form unterstützt wurde, als es den am Ende offenbar werdenden Schrecken aufzu-arbeiten galt. Die damals zwangsläu g von einheimischen Zeitzeugen beobach-teten Vorgänge mussten von diesen, das Drohbild der eigenen Verhaftung und Existenzvernichtung vor Augen, stets für sich behalten werden und konnten in vielen Fällen weder damals noch in der Zwischenzeit jüngeren, interessier-ten Generationen ohne ein gewisses Un-behagen überliefert werden. Nur ganz wenige St. Georgener Mitbürgerinnen und Mitbürger sind heute in der Lage, von diesen schrecklichen Jahren aus erster Hand zu berichten. Meist tun dies bewundernswerte, heute bereits ältere Mitbürger unter größter Anstrengung ihres Erinnerungsvermögens, aus dem immer wieder die schreckliche Wahr-heit in ihr Bewusstsein tritt. Dies ist eine Wahrheit, die sie bereits vor Jahr-zehnten aus ihrem Bewusstsein gelöscht glaubten, die aber genau genommen ihr weiteres Leben und somit die Entwick-lung der Marktgemeinde St. Georgen a. d. Gusen geprägt hat. Unser aller Dank muss somit jenen verantwortungs-bewussten Mitbürgern und ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Gu-sen gelten, die noch nach 44 Jahren die Kraft und den Mut haben, uns, die wir vielfach die Gnade der „Späten Geburt“ haben, die Möglichkeit zu geben, aus diesem dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte zu lernen. Sie betrifft in die-sen wenigen Jahren auch St. Georgen a. d. Gusen mit seiner Umgebung direkt.Die Gemeindevertretung von St. Georgen/Gusen(1989)  102 400 JAHRE MARKT ST.GEORGEN Vorgeschichte D er Markt St. Georgen an der Gusen liegt seit jeher geduckt in sicherer Lage im südlichen Teil der Riedmark, wo das Österreichische Granithochland in einer auffälligen Einbuchtung des Urge-steines in die Donauebene übergeht. Schon die relativ unauffällige Lage die-ses Marktes in der Landschaft mag stell-vertretend für das damals hauptsächlich in geregelten Bahnen ablaufende Leben der Bewohner von St. Georgen a. d. Gu-sen stehen. Die Bevölkerungsstruktur hielt sich in der Zeit der Ersten Republik die Waage: Die Bevölkerung bestand zu etwa gleichen Teilen aus Landwirten, Ge-werbetreibenden sowie Arbeitern und Angestellten.So idyllisch sich St. Georgen heute bei der Betrachtung alter Photographien zeigt, so krass waren besonders in dieser Zeit der wirtschaftlichen Krise die sozia-len Gegensätze in der Bevölkerung. Der Ort wurde in diesen Jahren nicht nur von wohlhabenden Linzer Bürgern be-sucht, die besonders die damals beste-henden Badeanlagen bevorzugten, son-dern diente auch vielen Menschen, die in den nahe gelegenen Steinbrüchen von Mauthausen und Gusen arbeiteten, als Wohnort. Viele St. Georgener Familien-väter marschierten täglich nur mit Holz-schuhen an den Füßen in die Steinbrü-che, um dort Werksteine auch für den Bedarf der Bundeshauptstadt Wien zu St. Georgen/Gusen um 1955. Schön zu sehen sind die alte Badeanlage an der Gusen (Vordergrund), die ehemalige Mariengrube mit gesprengtem Lüftungsturm (rechter oberer Bildrand) und die mittlerweile abgetragene Betonpanzerung von „Bergkristall“ beim ehemaligen Bräuhaus (linker oberer Bildrand). (Quelle: Heimatverein St. Georgen, Sammmlung Franz Walzer)  ZEITGESCHICHTE 1938–1945 103 brechen. In einer Zeit, in der sich Schul-kinder freiwillig von ihren Klassenkame-raden schlagen ließen, nur um danach ein Stück trockenes Brot zu bekommen, fällt besonders nach der Ausschaltung der parlamentarischen Demokratie 1  eine Blüte des St. Georgener Vereinslebens auf 2 . Dieses Vereinsleben spielte sich halb öffentlich in den acht damals in St. Georgen vorhandenen Gastwirtschaften ab, die in starkem Maße von allen Schichten der Bevölkerung frequentiert waren.Wie in den meisten Orten des Mühl-viertels wurde auch das in St. Georgen getrunkene Bier im Ort selbst herge-stellt. Da das im Ort für den Ausschank in den Gastwirtschaften gebraute Bier besonders in der warmen Jahreszeit gela-gert werden musste, wurden auch in St. Georgen zahlreiche Lager- und Eiskeller angelegt. Gleich mehrere dieser Bierkel-ler befanden sich in jenem Bergrücken, vor dem das ehemalige Bräuhaus von St. Georgen a. d. Gusen stand. Dieses wurde bis 1918 von Herrn Boublik betrieben, der es dann dem oberösterreichischen Biermagnaten Poschacher als Bierdepot überließ. Ende der dreißiger Jahre ge-langte das ehemalige Bräuhaus in den Besitz der Familie Pötsch, in deren Besitz es bis heute blieb. 3 1  In diesem Zusammenhang sei darau hingewiesen, dass auch im Raum St. Georgen bereits seit 1927 „nationalsozialistische Umtriebe“ erolgten und nach dem Verbot und der Verolgung der NSDAP im Jahre 1933 acht Personen aus dem Rayon des Gendermariepostenkommandos St. Georgen nach Deutschland emigrierten. Auch im Zusammenhang mit dem NS-Putschversuch am 25. Juli 1934, bei dem der österreichische Bundeskanzler getötet wurde, wurden in St. Georgen neun Personen verhatet und sieben zur Anzeige gebracht. Auch erolgte die Gründung der „Hitler-Jugend (HJ)“ in St. Georgen bereits 1936. Vgl. Heimatbuch Lutenberg an der Donau. Lutenberg, 1997. S. 195 und Schreiben des Gendarmeriepostenkommandos St. Georgen a/d Gusen vom 23. April 1946 an die Sicherheitsdirektion in Urahr. In: Unveröentlichte Manuskripte ür das von der Bundesregierung herausgegebene Rot-Weis-Rot-Buch 1946 - Berichte verschiedener Gendarmeriepostenkommandos in Oberösterreich. Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes, 8359. Auch: Franz Gindelstrasser. Franz Peterseil – Eine nationalsozialistische Karriere. Edition Geschichte der Heimat. Grünbach, 2003. 2  Besonders der Kirche nahestehende Vereinigungen allen in dieser Zeit durch verstärkte Aktivität au: Bereits Anang der 1930-er Jahre begann sich in St. Georgen eine spürbare Konkurrenz zwischen deutsch-national orientierten und katholischen Vereinigungen abzuzeichnen. Der in St. Georgen zu dieser Zeit wirkende Lehrer Eduard Munninger beschrieb Mitte der 1930-er Jahre romanartig das Ende der protestantischen Geschichte der Riedmark, worin auällige großdeutsche Propagandazüge zu nden sind. Munninger erhielt ür dieses Werk im Jahre 1937 den Deutschen Literaturpreis zugesprochen. Sein Werk erschien damals unter anderem auch in einem NS-Verlag in Goslar. Vgl. Eduard Munninger. Die Beichte des Ambros Hansen. Verlag Blut und Boden. Goslar, 1937. Adol Hitler erhielt diesen Roman zusammen mit zehn auserwählten anderen Werken zum 50. Geburtstag persönlich überreicht. Schreiben einer Enkelin Munningers vom 10. Mai 2008 an den Verasser. Interessanterweise hatte Adol Hitler nach Angabe seines Jugendreundes zum zentralen Geschehen in diesem Roman eine persönliche Beziehung, da der junge Hitler etwa um 1904 herum als Realschüler aus Linz sich einige Tage im Raum St. Georgen auhielt, um vor Ort zu erorschen, was in der Bevölkerung noch an Erinnerungen an die „Bauernschlacht am Frankenberg“ im Jahre 1636 lebendig geblieben sei. Vgl. August Kubizek. Adol Hitler mein Jugendreund. Leopold Stocker Verlag. Graz, 2002. S. 35 3  Der rühere Brauereibesitzer Martin Boublik legte im Jahre 1878 einen etwa 25 m in den Berg hineinreichenden „Märzenkeller“ an, dessen rückwärtiger Teil von einem etwa 8 m hohen Eiskeller mitca. 36 m 2  Grundfäche gebildet wurde. Im Frühling 1880 erolgte der Neubau der Mälzerei beim Bräuhaus, welche 1931 durch die Poschacher AG als „Taragebäude“ ausgebaut wurde. Etwa 4 m hinter diesem Gebäude begann damals der Keller IV, der zumindest 1880 als Malzdenne verwendet wurde. Im Jahre 1882 wurde an das bestehende Bräuhaus als ebenerdiger Zubau die sog. „St. Georgener Bierhalle“ angeügt. Im Winter 1938/39 wurde dieses Bräuhaus von dem ehemaligen Lehrer Pötsch ür Wohnzwecke ausgebaut. Der eindrucksvolle Bergrücken, in welchem sich diese Bierkeller und auch Teile der ab 1944 errichteten Stollenanlage „Bergkristall“ beanden, wurde um 1990 zu Gunsten eines Sandabbaues abgetragen. Badevergnügen im alten Freibad an der Gusen. (Quelle: Heimatverein St. Georgen, Sammmlung Franz Walzer)Ehemaliges Bräuhaus von St. Georgen. In dem mittlerweile abgetragenen Hügel dahinter befanden sich auch Eiskeller. (Quelle: Heimatverein St. Georgen, Sammmlung Franz Walzer)
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