Mysteriengemeinde und Öffentlichkeit: Integration von Mysterienkulten in die lokalen Panthea in Gallien und Germanien

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  Mysteriengemeinde und Öffentlichkeit: Integration von Mysterienkulten in die lokalen Panthea in Gallien und Germanien
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  Mysteriengemeinde und Öffentlichkeit:Integration von Mysterienkulten in die lokalen Panthea inGallien und Germanien von W OLFGANG  S PICKERMANN 1 Einleitung J OHN  S CHEID  hat vor kurzem noch einmal zurecht darauf verwiesen, dass sichdie meisten Mithräen Roms und Ostias in öffentlichen Gebäuden befanden, ja,dass man auch in öffentlichen Heiligtümern Zeugnisse des Mithraskultes fin-det. 1 Dies lässt sich ebenso in den gallischen und germanischen Provinzenbeobachten, wo der Mithraskult bekanntermaßen weit verbreitet war. In glei-chem Maße gilt dies für die anderen sogenannten Mysterienreligionen. Anausgewählten Beispielen von Zeugnissen des Mithras-, Kybele- und Isiskultesaus den beiden germanischen Provinzen soll gezeigt werden, dass es sichdabei keineswegs um Kultgemeinden gehandelt hat, die eine Sonderrolle imreligiösen Leben ihres Lebensumfeldes beanspruchten, sondern im Gegenteilvon dort Impulse aufnahmen und umgekehrt als Impulsgeber fungierten. JaMithräen konnten sogar einen bedeutenden Platz unter den Heiligtümern einesOrtes einnehmen, so etwa nachgewiesen in Martigny im Wallis und in Stras-bourg-Königshoffen.Im folgenden soll versucht werden, zunächst die Anfänge und das Ende dergenannten Kulte in Germanien abzustecken, sodann an einigen Beispielen ihreRolle innerhalb der lokalen Panthea zu klären und schließlich einige Gedan-ken zur Funktion und Zusammensetzung ihrer Trägergruppen zu entwickeln.Im Mittelpunkt, werden – aufgrund ihrer Aktualität – zwei neugefundene undunpublizierte Inschriften aus Alzey und Trier und der neuentdeckte Kultbezirkin Mainz stehen. 1 S CHEID  2001, 99 ff.  136  Wolfgang Spickermann 2 Die Anfänge der Kulte in Germanien Das Aufkommen der ersten mithrischen Gemeinden und Mithräen in Ger-manien datiert wohl gegen Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. Erste Heilig-tümer sind für  Gelduba  /Krefeld-Gellep,  Nida  /Frankfurt-Heddernheim und  Mogontiacum  /Mainz bezeugt. Die frühesten bezeugten Dedikanten mithri-scher Denkmäler sind Soldaten, so dass diese an ihren Stationierungsorten fürdie Gemeindebildung und den Bau der Kultstätten gesorgt haben werden,bevor die Mithrasreligion später auch in der Zivilbevölkerung angenommenwurde. 2.1 Krefeld-Gellep Innerhalb der Gräberfeldflächen nordwestlich des römischen Auxiliarlagerswurden 1981 Spuren eines Holzgebäudes angeschnitten, das als Mithräumgedeutet wird. Ein tiefer gelegener 2,40 Meter breiter Mittelgang mit halbrun-den Abschluss im Osten wurde an den Längsseiten von zwei Meter breitenPodien begleitet. Jeweils sieben Holzpfosten an jeder Seite trugen das Dach;die Wände waren mit Holzbrettern verschalt. Kultbilder und Weihesteine wur-den nicht gefunden, an Einbauten konnten lediglich eine im Mittelgang ein-gelassene Tuffsteinkiste und eine Feuerstelle beobachtet werden. 2 Das Gebäude ist der Form seiner Anlage nach als Mithräum zu deuten undlag zur Zeit seiner Errichtung bereits innerhalb des Gräberfeldes. Teile vonÖllampen und Tongefäßen der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr.datieren das Gebäude in diesen Zeitraum. Reste von Reibschalen und weiß-tonigen Krügen aus der Verfüllung des Mittelganges datieren in die zweiteHälfte des Jahrhunderts, als das Mithräum aufgegeben wurde. Dabei wurdeein großer Teil der Holzeinbauten herausgerissen und auch Tongeschirrabfallin die verbleibende Grube gefüllt. Später wurde der Platz wieder zu einerMassenbestattung benutzt, wahrscheinlich von Opfern der ersten Frankenein-fälle. 3 Es handelt sich demnach um das älteste bekannte Mithräum in Niederger-manien. Seine Anlage scheint auf Angehörige der Belegschaft des Auxiliar-lagers zurückzugehen. Ob während der Zeit seines Bestehens in unmittelbarerNähe bestattet wurde und ob etwa ältere Grabanlagen für seinen Bau beseitigtworden sind, konnte leider nicht ermittelt werden. 4 Vielleicht hing die Auf-gabe des Mithräums mit einem bisher noch nicht bekannten steinernen Neu- 2 R EICHMANN  1997, 21 ff.; vgl. F OLLMANN -S CHULZ  1986, 749; ferner C HR . R EICHMANN ,in: H ORN  1987, 534 und W IEGELS  2000, 295 mit Lit. 3 R EICHMANN  1997, 23 f.; vgl. F OLLMANN -S CHULZ  1986, 749; ferner R. P IRLING , in:H ORN  1987, 534 f. 4 R EICHMANN  1997, 21 f.  137 Mysteriengemeinde und Öffentlichkeit bau zusammen. D. E NGSTER  räumt ferner die Möglichkeit ein, dass es sich beiden Mitgliedern der Kultgemeinde um Angehörige der Ala Sulpicia gehandelthat, die im zweiten Jahrhundert versetzt wurde. Unter den nachfolgenden Ein-heiten könnten dann keine Mithrasanhänger mehr gewesen sein. 5 Nach demFund einer Anlage in Künzig mit zwei Holzbauphasen stellt sich die Frage, obnicht insgesamt ein Teil der bekannten Mithrasheiligtümer ursprünglich inHolz gebaut waren und der Kult insgesamt früher anzusetzen ist. 6 2.2 Nida/Frankfurt-Heddernheim 7  Seit etwa 75 bis 79 n. Chr. sind im Raum von  Nida  /Frankfurt-Heddernheimvier Kastelle nachweisbar, nach drei Holz-Erde Phasen erfolgte ein Steinaus-bau zu einem Alenkastell nach dem Saturninusaufstand 88/89 n. Chr., dasdann nach Abzug der Truppen an den Limes um 110 n. Chr. aufgelassenwurde. Westlich dieses Kastells, entlang der Straße nach Mainz und der Saal-burgstraße entwickelte sich zunächst ein Lagerdorf mit Fachwerkbebauung,das verhältnismäßig schnell wuchs und schon in trajanischer Zeit zum Vorortund Verwaltungsmittelpunkt der  Civitas Ulpia Taunensium  wurde. 8 Von den vier hier gefundenen Mithräen – ein weiteres wird vermutet 9 – sinddie Mithräen I im ‹Heidenfeld› und III im Bereich des Friedhofs von Hed-dernheim die ältesten.Mithräum I (12,5 mal 7,9 Meter), im Nordwesten des römischen Ortes aneiner Nebenstraße gelegen, war schon 1826 gefunden worden. Es konnte vonder Südseite her über wahrscheinlich sieben Treppenstufen betreten werden,die zwischen zwei Mauern von 3,45 Meter Länge hindurchführten. Im Innerenbefanden sich Podien neben einer tiefer liegenden  cella  die man über dreiStufen erreichte. Das hier gefundene, berühmte Kultrelief war drehbar undbefand sich in der Apsis. 10 In einem Loch in der Rückwand konnten Topf-scherben, Steinfragmente und elf Münzen gefunden werden. Die bei der Gra-bung noch bis zu einem Meter Höhe erhaltenen Mauern waren mit buntenLinien beidseitig verziert. Ein Pronaos wird vermutet. 11 Aufgrund zweier hiergefundener Weihinschriften wird das Gebäude in die Zeit um 100 n. Chr.datiert. Dies ist aber umstritten. Ferner ist auch möglich, dass die Dedikati- 5 E NGSTER  2002, 440. 6 Vgl. H ULD -Z ETSCHE  2001, 339. 7 Vgl. S PICKERMANN  2003, 203 ff. 8 W ILMANNS  1981, 128 ff.; vgl. H ULD -Z ETSCHE , in: B AATZ ; H ERRMANN  1989, 281; fer-ner  DIES . 1994, 16 f.; S OMMER  1992, 120; und zuletzt R ABOLD  2000, 98. 9 H ULD -Z ETSCHE  1994, 50; vgl.  DIES . In: B AATZ ; H ERRMANN  1989, 288. 10 CIMRM   II 1083; vgl. S CHWERTHEIM  1974, 67 ff. Nr. 59 a; ferner E. K ÜNZL , ‹Religionund Kunst›, in: B AATZ ; H ERRMANN  1989, 157–209, hier S. 198 f. Abb. 130/131 und S. 202und H ULD -Z ETSCHE  1986, 18 f. 11 S CHWERTHEIM  1974, 66 f. Nr. 59; vgl.  CIMRM   II 1082; ferner H ULD -Z ETSCHE  1994, 50f. Literaturübersicht bei W IEGELS  2001, 293.  138  Wolfgang Spickermann onen ursprünglich aus dem um 210 n. Chr. aufgegebenen Mithräum IVstammten, das völlig fundlos war. Möglicherweise war dies das schon um 85n. Chr. erbaute älteste Mithräum, das dann der Stadtmauer weichen mussteund aus diesem Grunde völlig ausgeräumt wurde, wobei man die Funde viel-leicht in andere Kultplätze verbrachte. Das Mithräum I könnte dann noch inder ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. errichtet worden sein. 12 Das Mithräum III kann nach Münz- und Keramikfunden sicherer in die Zeitum 100 n. Chr. datiert werden und wurde erst in der Mitte des dritten Jahr-hunderts n. Chr. zerstört. 13 Das Kultgebäude befand sich drei Meter unter der Erdoberfläche und be-stand aus einem Pronaos, von dem man über eine Treppe in das tiefer gelegene spelaeum  gelangte. Dieses bestand aus der  cella , den Podien und der Kultni-sche  (sacrarium) , in der sich ein Relief mit einer Stiertötungsszene befand. 14 Das westliche Podium war von einer 2,30 Meter breiten Nische unterbrochen,an deren Rückseite drei kleine Zellen gemauert waren. An der linken Seite der cella  befand sich eine Opfergrube mit Knochen von Geflügel und Wiederkäu-ern (Schaf und Ziege), wohl Reste der rituellen Kultmahle. 15 2.3 Mainz Zu den spektakulärsten Befunden, die aufgrund unglücklicher Umstände nichtwissenschaftlich dokumentiert werden konnten, gehört ein großes Mithräumim Bereich der Präsenzgasse/Ballplatz 2, das 1976 bei Bauarbeiten unkon-trolliert zerstört wurde (Abb. 1). Das vorhandene Mauerwerk muss vor derAbbaggerung noch 0,92 Meter hoch gestanden und verschiedentlich noch an-tiken Wandputz gezeigt haben. Der Grundriss des Gebäudes erinnert an den- jenigen des Mithräum III von  Nida  /Frankfurt-Heddernheim. Es handelt sichum einen langgestreckten Bau von zirka zweiundzwanzig Meter Länge, derMittelgang war drei Meter breit. 16 Rechnet man die in ihren Ausmaßen nichtmehr bekannte Kultnische hinzu, so hatte das Heiligtum eine Länge von zirkadreißig Meter und ist demnach eines der größten bis heute bekannt gewordeneMithräen der römischen Welt. 17 Zu den Funden zählen unter anderem zweiMithrasaltäre aus severischer Zeit, 18 zwei große zweihenkelige Gefäße, darun- 12 S CHWERTHEIM  1974, 273 f.; vgl. H ULD -Z ETSCHE  1986, 43. 13 H ULD -Z ETSCHE  1986, 26 ff. und 1990, 14. 14 CIMRM   II 1118; zum großen Teil im zweiten Weltkrieg zerstört. 15 CIMRM   II 1117; vgl. H ULD -Z ETSCHE  1986, 30; ferner  DIES . 1990; 14;  DIES . 1994, 50 f.und  DIES ., in: B AATZ ; H ERRMANN  1989, 288 f. 16 B. S TÜMPEL , Mainz. Zeitschr. 73/74, 1978/1979, 343; vgl. H ORN  1994, 21 ff.; fernerF RENZ  1992, 125; E NGSTER  2002, 449 f. und H ULD -Z ETSCHE  2004, 213 ff. 17 H ULD -Z ETSCHE  2004, 213. 18 H ERZ  1978/79, 277 Nr. 5 = F RENZ  1992, 125 f. Nr. 110 =  AE   1979, 425 und H ERZ 1978/79, 278 Nr. 6 = F RENZ  1992, 125 Nr. 111 =  AE   1979, 426.  139 Mysteriengemeinde und Öffentlichkeit ter der berühmte Mainzer Schlangenkrater (Abb. 2), ein Räucherkelch sowieeinige Firmalampen; insgesamt zirka fünfhundert Kleinfunde. 19 Zwei Altar-basen sollen sich ferner  in situ  befunden haben. 20 Die früheste Keramik datiertin flavische Zeit, so dass das Mithräum schon vor 100 n. Chr. bestanden habenmuss und damit zu den ältesten nördlich der Alpen gehört. Danach hat eseinige Umbauten erfahren, bis es im vierten Jahrhundert n. Chr. aufgegebenwurde. 21 Wichtigstes Fundstück ist ein fünfundfünfzig Zentimeter hoherSchlangenkrater mit Weihinschrift eines Quintus Ca[–––] für Mithras Invictusund detaillierten Abbildern von sieben Mithrasanhängern, die zwischen denHenkeln in einer Dreier- und einer Vierergruppe angeordnet sind. Er wurdeunter dem Mittelgang  in situ  gefunden und war dort wahrscheinlich in defek-tem Zustand kultisch deponiert worden. Dargestellt sind eine Mutprobe undfeierliche Weihung eines Mysten, wahrscheinlich der Stifter selbst als  corax ,durch einen bärtigen  pater   sowie eine Prozession der Mysten um einen He-liodromus. 22 Ein  pater   ist auch auf einem der hier gefundenen Altäre bezeugt,der die Erlaubnis zur Errichtung eines Altars gab, also eine Gemeinde vor Ortleitete. 23 Leider sind durch die Abbaggerung des Mithräums sämtliche weitereNachforschungen unmöglich geworden, dennoch kann festgehalten werden,dass es sich hier um das bisher größte und älteste der Mithräen Germanienshandelte. Die große Zahl der Funde spricht ferner für wahrscheinlich mehr alsein Mithräum in Mainz. 24 Ein spektakulärer und noch nicht ausreichend publizierter Neufund ist derwahrscheinlich schon in das Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. zu datieren-de Kultbezirk der Isis und Magna Mater in der heutigen Römerpassage (Abb.3). Nach Ausweis von mehreren Inschriften war das Heiligtum der Isis Pan-thea und der Magna Mater geweiht. Leider sind die gefundenen Tituli bishernur unzureichend publiziert. 25 Bemerkenswert sind zwei gleichlautende Bau-inschriften, die der Isis Panthea und der Magna Mater gelten (Abb. 4). Eineweitere Inschrift an Magna Mater ist sicher noch in das letzte Drittel des ersten 19 H ULD -Z ETSCHE  2004, 213. 20 H ORN  1994, 22; vgl. jetzt H ULD -Z ETSCHE  2004, 215 ff. 21 H ORN  1994, 33 und H ULD -Z ETSCHE  2004, 213. H ORN  1994, 31 f. datiert, allerdings denSchlangenkrater schon in das Ende des ersten Jh. n. Chr., während H ULD -Z ETSCHE  2001, 344f. und Abb. S. 359 ihn mit guten Gründen in das zweite Viertel des zweiten Jahrhundertsn. Chr. datiert; vgl.  DIES . 2004, 225 (120–140 n. Chr.). 22 H ORN  1994, 24 ff.; vgl. H ULD -Z ETSCHE  2001, 344 f. und  DIES . 2004, 215 ff.; bes. 225 ff. 23 H ERZ  1978/1979, 277 Nr. 5 = F RENZ  1992, 125 Nr. 110 =  AE   1979, 425. S CHWERTHEIM 1974, 116 f. Nr. 95 weist außerdem das Inschriftenfragment  CIL  XIII 11824, welches ein templum  erwähnt, Mithras zu, was C LAUSS  1992, 114 f. als völlig willkürlich ablehnt. 24 Vgl.  CIMRM   II 1223–1229; S CHWERTHEIM  1974, 112 ff. Nr. 88–95; C LAUSS  1992, 114f.; F RENZ  1992, 124 ff. Nr. 109–112; zuletzt W IEGELS  2000, 295. 25 Eine Majuskelwiedergabe und Übersetzung der Texte findet sich in dem Ausstellungs-katalog I SIS UND  M ATER  M AGNA  2004. Die Publikation der Inschriften ist durch G. A LFÖL - DY  vorgesehen (frdl. Auskunft von Frau Dr. M. Witteyer).
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