Ein Schädelbecher aus der Großen Grotte – Mythos oder Realität

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  Zusammenfassung: Aus der Großen Grotte bei Blaubeuren stammt eine Rentierkalotte, die bei Grabungen von Gustav Riek in den 1960er Jahren in der Höhle entdeckt wurde. Während der Recherche für ihre Doktorarbeit über prähistorische Gefäße beschloss
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  Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte — 25  (2016) 105 MGFU | mgfuopenaccess.org Ein Schädelbecher aus der Großen Grotte – Mythos oder Realität? Marina Riethmüller und Harald Floss Universität TübingenInstitut für Ur- und Frühgeschichte und Archäologie des Mittelalters Abteilung Ältere Urgeschichte und QuartärökologieSchloss Hohentübingen, Burgsteige 11D-72070 TübingenMarina.Riethmueller@gmx.deharald.floss@uni-tuebingen.de Zusammenfassung:  Aus der Großen Grotte bei Blaubeuren stammt eine Rentierkalotte, die bei Gra-bungen von Gustav Riek in den 1960er Jahren in der Höhle entdeckt wurde. Während der Recherche für ihre Doktorarbeit über prähistorische Gefäße beschloss Marina Riethmüller, sich das Objekt im Lan-desmuseum Württemberg in Stuttgart, wo es aufbewahrt wird, genauer anzuschauen – vor allem da die Quellenlage zu diesem Objekt sehr schlecht ist und nirgendwo eine Erklärung zu finden war, warum gerade dieses Stück ein Schädelbecher sei und nicht nur eine ganz gewöhnliche Rentierkalotte. Im vor-liegenden Beitrag werden die Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt und es wird versucht heraus-zufinden, ob diese Rentierkalotte als Schädelbecher genutzt wurde oder nicht. Schlagwörter : Schwäbische Alb, Blaubeuren, Paläolithikum, Rentierkalotte, Behälter  A Skull Cup from Große Grotte – Myth or Reality?  Abstract : In the 1960s, Gustav Riek discovered the calvarium of a reindeer during excavations in Große Grotte near Blaubeuren. Over the course of her doctoral research on prehistoric vessels, Marina Riethmüller decided to take a closer look at this object in the Landesmuseum Württemberg in Stuttgart, where the calvarium is stored. The existing sources describing the find are incomplete, and there are no explanations for why this piece should represent a skull cup rather than simply an ordinary reindeer calvarium. We present below the results of this study and explore whether this reindeer calvarium was used as a skull cup or not. Keywords : Swabian Jura, Blaubeuren, Paleolithic, reindeer calvarium, vessel Einleitung In der 1983 erschienenen Monographie über das Mittelpaläolithikum der Großen Grotte berichtet Eberhard Wagner von einem Schädelbecher (Wagner 1983) (Abb. 1).  Als Quelle gibt er die Grabungstagebücher von Gustav Riek an, ohne aber eine nähere Begründung seiner Zuweisung als Schädelbecher zu geben. Als Teil der im Gange befind-lichen Dissertation von Marina Riethmüller, die sich mit prähistorischen Behältnissen beschäftigt, beschlossen die Autoren, das fragliche Stück erneut zu untersuchen. Der folgende Artikel stellt das Ergebnis dieser Beobachtungen dar. Die Große Grotte Die Große Grotte befindet sich unterhalb des Hauptfelsens des Rusenschlosses in Blaubeuren (Wagner 1983) (Abb. 2). Zum ersten Mal wird die Große Grotte im Jahr 1643 von Merian erwähnt. Das Rusenschloss war zu diesem Zeitpunkt noch bewohnt. 1830 ver-mutet Memminger, dass die Höhle von den Bewohnern des Schlosses „zu ökomenischen  106 MGFU | mgfuopenaccess.org Marina Riethmüller und Harald Floss Zwecken benützt“ wurde (Striebel 1996). Früher wurde die Große Grotte auch Gerhau-ser Höhle (Memminger 1830) oder Große Felsengrotte (Lehmann 1907) genannt. Aus den beiden letztgenannten Bezeichnungen hat sich im Laufe der Zeit wahrscheinlich die heutige Bezeichnung Große Grotte gebildet (Binder 1961).  Abb. 1: Große Grotte. Zeichnung der Schädelkalotte (nach Wagner 1983, Abb. 14 a)  107 MGFU | mgfuopenaccess.org Ein Schädelbecher aus der Großen Grotte – Mythos oder Realität? Die Höhle liegt in 580 m Meereshöhe und ist in Richtung Westen orientiert. Der Ein-gang ist 25 m breit und maximal 18 m hoch. Die 30 m tiefe Höhle führt in West-Ost-Rich-tung in den Berg hinein und wird hangabwärts immer enger. An ihrem Ende schließt sich eine in südlicher Richtung verlaufende und 3,5 m x 3,5 m x 2 m große Nische an (Wagner 1983). Ab dem Moustérien wird die Höhle immer wieder für kurzfristige Auf-enthalte genutzt (Conard et al. 2015, 159). Die Große Grotte besitzt die mächtigste mit-telpaläolithische Schichtenabfolge der Schwäbischen Alb (Çep 2013).Gustav Riek unternahm zwischen 1960 und 1964 insgesamt drei Grabungskam-pagnen (Wagner 1983, 17). Riek selbst publizierte 1962 nur eine kurze Notiz zu diesen  Ausgrabungen in den Fundberichten aus Schwaben (Riek 1962). Ausführlichere Infor-mationen findet man in der bereits erwähnten Monographie Wagners aus dem Jahr 1983 und bei Weinstock (1999).  Abb. 2:  Blick vom Blautal auf die Große Grotte und das Rusenschloss. Foto: Michael C. Thumm. Stratigraphie Riek unterschied zwölf paläolithische Schichten, die Schichten XIII – II, fußend auf sedimentologischen und formenkundlichen Grundlagen. Demnach bildeten sich die Schichten XIII bis XII und möglicherweise auch die Schicht XI im Eem-Interglazial, während die Schichten IX bis II aus der ersten Hälfte des letzten Glazials stammen dürften. Die obere Schicht I enthielt zahlreiche Holzkohlefragmente und datiert offen-sichtlich in das Mittelalter. Wagner ordnete das Steininventar aus der Schicht XI in das späte Acheuléen mit Levalloistechnik ein, während das quantitativ ärmere Inventar aus der Schicht IX in das späte Micoquien und dasjenige aus den Schichten VIII bis III in ein  108 MGFU | mgfuopenaccess.org Marina Riethmüller und Harald Floss Moustérien mit Präsenz der Levalloistechnik gestellt werden. Schicht II mit dem reichs-ten Steinartefaktmaterial datiert in ein jüngeres Moustérien mit bifaziellen Elementen (Wagner 1983; Weinstock 1999).Die so definierte Schichtentrennung ist allerdings aus heutiger Sicht anzuzweifeln.  Von den Ausgräbern wurden mögliche postsedimentäre Vorgänge nicht beachtet. Es muss von einer Vermischung der Artefakte aus verschiedenen Schichten ausgegangen werden, wofür spricht, dass Tierknochen mit unterschiedlicher Schichtenbezeichnung zusammengesetzt wurden. Auch die Störung der Schicht II durch eine Mauer, deren Zeitstellung unbekannt ist, unterstützt die Zweifel. Umgekehrt ist es ebenfalls möglich, dass Schichten getrennt aufgenommen wurden, die eigentlich zusammengehören (Çep 2013).Çep bezweifelt zudem Wagners Schichteneinteilung durch die „ursprüngliche chrono-typologische Klassifizierung der Artefakte“ (Çep 2013). Die Einordnung erfolgte anhand nur weniger Stücke und auf der Basis eines stratigraphischen Vergleichs mit anderen Fundstellen. Daher ist nach der Neubearbeitung der Artefakte Wagners typologischer Einteilung zu widersprechen (Çep 2000, 2013; Çep und Waiblinger 2001). Fauna In fast allen Schichten der Großen Grotte sind der Höhlenbär, der Steinbock und das Rentier sowie Pferd, Hirsch und Wildpferd nachgewiesen. Aber auch Knochen von Mammut, Wollnashorn, Bison und Hyäne sowie Reste von Füchsen, Hasen, Wildkatze, Marder, Wiesel, Schneehühnern und kleinen Nagern sind Teil der gefundenen Fauna.  Anhand der Tierknochen kann auf eine baumlose Steppe auf der Hochfläche und subark-tische Wälder in den Tälern geschlossen werden (Wagner 1983; Weinstock 1999).Interessanterweise erwähnt Weinstock (1999) in seiner Untersuchung zu den Säuge-tierknochen aus der Großen Grotte keine Kalotte, die von einem Rentier stammt! Die Rentierkalotte aus der Großen Grotte Die Kalotte stammt vom Schädel eines Rentiers (Abb. 1, Abb. 3, Abb. 4). Sie wurde von Gustav Riek „im Feld O 21 über Schicht II“ gefunden. An dieser Stelle konnten keine systematischen Grabungen durchgeführt werden, da nur wenig Sediment den Boden bedeckte. Sedimente der Schicht II waren auf der oberen Etage nicht vorhanden. Somit lässt sich keine eindeutige Aussage über die kulturelle Zugehörigkeit der Rentierkalotte treffen. Es ist aber davon auszugehen, dass sie aus dem Mittelpaläolithikum und ver-mutlich aus dem Moustérien stammt.Der vermeintliche Behälter ist 102 mm lang, 82 mm breit und 60 mm hoch. Auf der  Außenseite der Kalotte sind die Ansätze der Rosen noch zu erkennen (Abb. 5). Die Bruch-kanten der Kalotte sind abgerundet (Abb. 6), und die Seitenwände der Kalotte sind nicht gleich hoch. Auf der Außenseite der Kalotte liegen vereinzelte Spuren, die zwar gewisse Ähnlich-keiten mit Schnittspuren aufweisen, aber nicht eindeutig als solche bestimmt werden konnten (Abb.7). Die Ränder sind dort, wo das Geweih ansetzte, abgerundet. Es fehlen  109 MGFU | mgfuopenaccess.org Ein Schädelbecher aus der Großen Grotte – Mythos oder Realität?  Abb. 3: Große Grotte. Innenansicht der Rentierka-lotte. Foto: M. Riethmüller.  Abb. 4: Große Grotte. Außenansicht der Rentierka-lotte. Foto: M. Riethmüller.  Abb. 5: Große Grotte. Ansatz einer Rose des Schädels. Foto: M. Riethmüller.  jegliche Spuren, die auf eine intentionelle Abtrennung des Geweihs hinweisen. Auch auf der Innenseite und auf dem Rand wurden keine klaren Bearbeitungs- oder Gebrauchs-spuren erkannt.
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