Dietrich, Wolf; Kahl, Thede (2015): Die weiche Seite des Ali Pascha: Der Löwe von Epirus und seine Vorliebe für Musik. In: Kahl, Thede; Prifti, Elton; Kramer, Johannes (Hg.): Romanica et Balcanica. Wolfgang Dahmen zum 65. Geburtstag, München:

Please download to get full document.

View again

All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
 0
 
  Die meisten Quellen, die Ali Pascha aus Tepelena – den „Löwen von Epirus“ – erwähnen, zeugen von der Brutalität dieses 1788 bis 1822 in Jannina (auch Janina, heute griech. Iōannina, alban. Janinë, türk. Yanya, arom. Yianina, Enene) residierenden
Share
Transcript
  779Wolf Dietrich (†) / 󐀀ede Kahl (Jena) Die weiche Seite des Ali Pascha: Der Löwe von Epirus und seine Vorliebe für Musik  Fragestellung Die meisten Quellen, die Ali Pascha aus Tepelena – den „Löwen von Epirus“ – erwähnen, zeugen von der Brutalität dieses 1788 bis 1822 in Jannina (auch Janina, heute griech. Iōannina, alban. Janinë, türk. Yanya, arom. Yianina, Enene) residierenden Paschas. Gerade wenn es um Rache- vollzug ging, kam es vor, dass er seine Feinde am lebendigen Leibe röstete und zerstückelte Leichenteile zur Schau stellte. Massaker an der orthodo-xen Bevölkerung, ob nun an Griechen wie in Preveza oder an Vlachen (Aromunen) wie in Gardiki, trugen dazu bei, dass sich bei der christlich-orthodoxen Bevölkerung der Hass auf ihn bis heute hielt. Unter der über-wiegend muslimischen Bevölkerung Albaniens wird er anders gesehen: Hier werden heute Reisebüros, Hotels, Musik- und Tanzgruppen nach ihm benannt, sein Konterfei ziert Trinkwasserflaschen, und in Telepena wur-de ihm ein überlebensgroßes Denkmal geweiht. Freunden der Aromunen wie dem mit dieser Festschri􀀀 geehrten Wolfgang Dahmen („Pascha von Jena“) fällt es daher sicherlich nicht gerade leicht, in Ali Pascha (Pascha  von Jannina) Sympathisches zu entdecken. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich seine weiche Seite, ein Freund der Musik, vor allem der osma-nischen Kunstmusik, die er an seinem Hof in hohem Maße förderte, so dass sie lange über seinen Tod hinaus in ganz Epirus kulturell nachwirkte. Doch was erfahren wir von seinen Zeitzeugen über diese weiche Seite des Tyrannen? Aufstieg eines Löwen Mitte des 18. Jahrhunderts war die Region Epirus – das Grenzland zwi-schen Albanien und Griechenland – eine Provinz des Osmanischen Rei-ches. Den heutigen Staat Griechenland gab es noch nicht, ebenso wenig einen Staat Albanien. Alle Zeichen standen auf Sturm und Revolution,  780 Die weiche Seite des Ali Pascha politisch bröckelte es im einst so mächtigen Osmanischen Reich. Knapp hundert Jahre früher, 1683, standen die Türken noch vor Wien, jetzt regt sich Unruhe an vielen Stellen im großen Reich, in Nordalbanien und Bos-nien gibt es Aufstände, die Serben versuchen, sich aus dem Osmanischen Reich abzusetzen, die russischen Expansionsbestrebungen bedrohen die türkischen Interessen auf der Krim und im Nord-Kaukasus. In diese Verhältnisse wird Ali um 1744 als einziger Sohn einer Familie geboren, die vermutlich zum toskischen Stamm der Laben gehörte, der im 15. Jahrhundert zum Schiitismus übergetreten war, wobei viele Au-toren seine Abstammung von einer einst aus Anatolien eingewanderten türkischen Familie für möglich halten. Weder sein Geburtsjahr – Men-delssohn-Bartholdy (1890, 81) nimmt 1741 als Geburtsjahr an – noch sein genauer Geburtsort sind bekannt. Fest steht, dass er im Raum Tepelena (alban. Tepelenë, griech. Tepeleni, türk. Tepedelen) geboren wurde. Der Vater, Veli Pascha von Delvino, stirbt früh und hinterlässt – wie der Sohn später erzählt – nichts als eine ärmliche Bude und ein paar Felder. Schon der jugendliche Ali wird als ungewöhnlich energisch, agil und weltgewandt beschrieben. Als 14jähriger hütet er noch Schafe und Ziegen, doch bald da-nach hört man zum ersten Mal von ihm. In weiten Teilen der osmanischen Provinzen funktionierten Polizei- und Militärkontrollen kaum noch, so dass die Dorfgemeinscha􀀀en eigene Schutztruppen aufstellten und be-zahlten, um ihre Häuser, Herden und Acker gegen räuberische Übergriffe zu schützen. Auf diese Art versuchte Alis Mutter Chamko nach dem Tode ihres Mannes die Familie zu ernähren – als Anführerin einer bewaffneten Bande zum Schutz ihres Dorfes. Das Unternehmen geht nicht lange gut, Ali wird samt Mutter und Schwester gefangengenommen und nur gegen ein hohes Lösegeld wieder freigelassen, aber erst, nachdem Mutter und Schwester von den Dörflern reihum vergewaltigt werden. Ali wurde da-rau󰀀in selbst Kopf einer Diebesbande, die von Epirus bis 󐀀essalien ope-rierte und lässt es sich 20 Jahre später nicht nehmen, für die an Mutter und Schwester begangenen Gräueltaten grausige Rache zu nehmen. Noch war von den musischen Neigungen des Ali nichts zu merken, sein ganzer Ehrgeiz richtete sich zunächst auf den Auau einer Existenz und seiner politischen Macht. Ali wird derbent bașbuğu  (Passaufseher, aus türk. derbent   ‚Engpass‘, und bașbuğ   ‚Befehlshaber‘), wenig später erwirbt er die Befehlsgewalt über den Amtsbezirk von Delvino in Südalbanien. Bemer-kenswert ist die Art, wie Ali dies erreichte: Er heiratete um 1766 Emine, die Tochter des Gouverneurs Kaplan Pascha von Delvino. Anschließend zeigte Ali seinen Schwiegervater bei der Hohen Pforte in Istanbul an, die-  781 Wolf Dietrich / 󐀀ede Kahl ser habe an einem lokalen Aufstand gegen die Türken teilgenommen. Ka-plan Pascha wurde dafür enthauptet. Der Nachfolger, ein gewisser Selim, wird von Ali bei der Pforte wegen Kollaboration mit den Venezianern de-nunziert. Ali vollstreckt selbst das Todesurteil und wird so mit Billigung der Hohen Pforte neuer Gouverneur von Delvino. Das nächste Ziel des Ali von Tepelena war das Städtchen Jannina, der strategisch wichtigste Ort der Region. Als 1788 dort der vsrce Pascha starb, sah Ali seine Stunde gekommen. Mit seinen Gefolgsleuten griff er im Herbst desselben Jahres die Stadt an, um Fakten zu schaffen, ehe von der Hohen Pforte in Istanbul andere Entscheidungen drohten. Auf Anhieb gelang ihm der Angriff nicht, aber trotzdem schickte er eine Gesandtscha􀀀 nach Istanbul und forderte dort seine offizielle Ernennung. Am Hofe des Sultans entschied man gegen Ali und schickte einen Ferman (Erlass des Sultans), Ali solle zurückkehren. Ali fing den Boten aus Istanbul ab und ließ den Ferman im Wortlaut fälschen. Nach altem osmanischem Brauch wurde das Schri􀀀stück in feierlicher Form verlesen, und die Beys von Jan-nina vernahmen mit Staunen, das Ali zum neuen Herrscher in der Stadt bestimmt wäre. Sofort machte der Pascha sich daran, das Leben in Jannina zu reformieren. Bis in kleinste Details bestimmte er die Tagespolitik. Sei-ne Minister – so wird von ausländischen Beobachtern berichtet – hatten nur Statistenfunktion, auch die orthodoxe Kirche in Epirus hatte kritiklos seinen Zielen zu dienen. Doch während seiner Regierungszeit erreichte er etwas, was sonst in den Balkanländern zu jener Zeit kaum zu verwirkli-chen war: Er befreite die Straßen und Pässe von Räuberbanden und Die-ben und ermöglichte damit einen florierenden Handel zwischen seinem Regierungszentrum Jannina und den benachbarten Provinzen. Dies kam nun wiederum den sonst so benachteiligten christlichen Bevölkerungs-gruppen zugute: Gerade die Bevölkerung der aromunischen Sommerd-örfer stand in tiefverzweigten Handelsbeziehungen weit über Epirus hi-naus. Die Sulioten, wahrscheinlich Nachfolger christlicher Albaner, die im 17. Jahr hundert zugewandert waren und seitdem Bewohner der schwer zugänglichen Bergwelt von Suli im Epirus sind, versorgten sich zu einem Teil durch Raubüberfälle in der Art der Kle􀀀en. Sie sympathisierten mit den Russen und solidarisierten mit ihnen gegen die Hohe Pforte, so das nach dem osmanischen Krieg gegen Russland und Österreich mit dem Friedensschluss von Jassy im Jahre 1792 aus Istanbul der Befehl für Ali kam, etwas gegen dieses Widerstandsnest Suli zu unternehmen. Alis ers-ter Versuch im gleichen Jahr, die Bergfestung Suli zu stürmen, scheiterte kläglich, ebenso der zweite Versuch sieben Jahre später. Erst im dritten  782 Die weiche Seite des Ali Pascha Anlauf im Sommer 1803 fiel Suli nach langer Belagerung durch Verrat. Der Widerstand der Sulioten ging in leichter Umdeutung der Ereignisse in die Geschichte des griechischen Freiheitskampfes ein, an dem die Sulioten später auch beteiligt waren (Mendelssohn-Bartholdy 1870). Ali Pascha wurde nach Niederwerfung der Sulioten 1803 vom Diwan nachträglich als Pascha akzeptiert und zum Oberstatthalter von Rumelien ernannt. In der frühen Zeit seiner Regierung in Jannina hielt sich Ali noch an die Regeln, nach denen im Osmanischen Reich die besetzten Provinzen ver-waltet wurden. Zwar war das Osmanische Reich absolutistisch und streng militaristisch organisiert, doch die einzelnen Provinzen hatten weitgehen-de kulturelle und administrative Autonomie. Im Falle von Epirus bedeutete das vor allem Glaubensfreiheit für die Einheimischen. Es gab zwar keinen Zwang, zum Islam überzutreten, allerdings aber verlockende Angebote für alle Konvertiten, nämlich Steuerfreiheit, die Erlaubnis zum Waffentragen und die Möglichkeit, Staatsämter zu bekleiden. Die Wahrnehmung Ali Paschas ist vor allem durch seine Affäre mit Frosynī geprägt, die nicht nur in Volksliedern und Balladen überliefert, sondern auch literarisch verarbeitet wurde. Zu den berühmten Persönlich-keiten, die sich von seiner Geschichte inspirieren ließen, zählen der franzö-sische Konsul, Physiker und Historiker François Pouqueville (1770-1838) mit seinen diplomatischen Berichten, der englische Dichter Lord Byron, der sich 1809 einige Zeit als Gast am Hof Ali Paschas au󰀀ielt, mit einer Rei-he von Gedichten und Beschreibungen seiner Erlebnisse, der griechische Dichter Aristotelīs Valaōritīs mit seinem Epos Frau Frosynī   (griechisch  Ἡ Κυρὰ Φροσύνη , 1859), der albanische Schri􀀀steller Sabri Godo mit seinem historischen Roman  Ali Pasha Tepelena  (Artemida, Tirana 1970) und der albanische Nobelpreisträger Ismail Kadare mit seinem historischen Ro-man Pashallëqet e mëdha  (Tirana, 1978; Deutsch: Der Schandkasten). Im 1846 publizierten Abenteuerroman Der Graf von Monte Christo  von Alex-ander Dumas werden Ali Pascha und die Belagerung von Jannina durch die Türken erwähnt, sogar eine Tochter namens Haydee wird ihm ange-dichtet. Als Opernfigur hat ihn der Komponist und Schauspieler Albert Lortzing (1801-1851) in seinem Einakter  Ali Pascha von Janina , der 1828 in Münster (Westfalen) uraufgeführt wurde, verewigt. Schließlich hat die dramatische Geschichte der Frosynī mit Ali Pascha zu mehreren Verfil-mungen geführt, wovon die bekannteste  Η κυρά Φροσύνη και ο Αλη πασάς    783 Wolf Dietrich / 󐀀ede Kahl (Frau Frosynī und Ali Pascha, 1959) mit Tzavalas Karousos als Ali Pascha und Irini Pappa in der Rolle der Frosynī 1   war. Die Beschä􀀀igung mitteleuropäischer Autoren mit Ali Pascha ist eng  verbunden mit dem griechischen Freiheitskampf, der auch die Philhelle-nen nicht kalt ließ. Die im Volksmund als Kleen  (griech. κλέφτες  ‚Diebe‘) bekannten Rebellen gegen die Osmanen – Widerstandskämpfer und Par-tisanen, die sich durch Straßenraub an den türkischen Transportkolonnen und Erpressung der nahegelegenen Dörfer ernährten – hatten in vielen Gebieten die Oberhand. Trotzdem hatten die Kle􀀀en im Allgemeinen die Sympathien der ländlichen Bevölkerung, denn auf ihnen ruhte längerfri-stig die ganze Hoffnung der Griechen, sich einmal vom ‚türkischen Joch‘ befreien zu können. Ein Kle􀀀e zu sein wurde unter Griechen mit der Zeit sogar zum Ehrentitel. Die Missstände im Osmanischen Reich und die Un-terdrückung der christlichen Bevölkerung wurden in Europa zunehmend registriert und von den Intellektuellen diskutiert. Mangels eigener An-schauung der Realität auf dem Balkan wurde mancher idealistische Traum  von der Erneuerung des antiken Griechenland artikuliert und in Dichtung umgesetzt. Philhellenen organisierten sogar Reisen nach Griechenland, einige von ihnen nahmen später aktiv am Freiheitskampf der Griechen ab 1821 teil. Am bekanntesten wurde das Engagement Lord Byrons, dessen episches Gedicht Childe Harold’s Pilgrimage  in England große Resonanz hatte. Byron war selbst 1809 nach Jannina gereist und hatte Ali Pascha besucht. Als dann 1812 die ersten beiden Gesänge von Childe Harold’s Pil- grimage erschienen, war das Buch in London innerhalb von drei Tagen  vergriffen. Über Ali Pascha schreibt Byron (1977, 72) darin: Ich habe nicht Furcht noch Erbarmen gekannt; Wer dem Ali gehorcht, hat beides verbannt. Seit der Zeit des Propheten sah nie das Panier Des Halbmonds solch glorreichen Wesir. Auch Albert Lortzings erstes Singspiel gehört in diese Welt des roman-tischen Schwärmens vieler Mitteleuropäer für den Freiheitskampf der Griechen. „Ali Pascha von Janina oder die Franzosen in Albanien“ nannte er sein 1824 veröffentlichtes Singspiel. Die Handlung hat sicherlich nichts mit den Zuständen im Epirus zu tun: Ein französischer Kapitän namens Bernier ist mit seinem Boot an der albanischen Küste gelandet. Als Gast 1  Vollständig anzusehen unter http://www.youtube.com/watch?v=F6dvZNJiDSU (Ab-ruf 07.11.2014).
Related Search
Similar documents
View more
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks
SAVE OUR EARTH

We need your sign to support Project to invent "SMART AND CONTROLLABLE REFLECTIVE BALLOONS" to cover the Sun and Save Our Earth.

More details...

Sign Now!

We are very appreciated for your Prompt Action!

x