40 Jahre Gestalttheoretische Psychotherapie haben eine Konstante - Zum 70. Geburtstag von Rainer Kästl [Personen-Lexikon zur Gestalttheoretischen Psychotherapie; 2019]

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  53 40 Jahre Gestalttheoretische Psychotherapie haben eine Konstante Zum 70. Geburtstag von Rainer Kästl Gerhard Stemberger (Wien und Berlin) Heuer wurde Rainer Kästl 70 Jahre alt. Ihm verdankt die Gestalheo - resche Psychotherapie viel und damit auch die ÖAGP. 40 Jahre sei -nes Lebens waren ganz wesentlich der Entwicklung und Fesgung der Gestalheoreschen Psychothe -rapie im engeren Sinn gewidmet, die er bis heute entscheidend mit- besmmt. Gerade deshalb kann ich auch auf seine Zusmmung hoen, wenn die nachfolgenden Zeilen, zu denen sein 70. Geburts -tag den Anlass gaben, nicht vor-wiegend persönlichen Erinnerun-gen gewidmet sind, sondern dem Versuch, die Geschichte der Ge - stalheoreschen Psychotherapie in einigen bisher weniger beleuch- teten Aspekten nachzuzeichnen und Rainer Kästls Beitrag in diesen Kontext einzuordnen. Ein kurzer Lebenslauf  Rainer Kästl wurde am 3.1.1949 als zweiter Sohn des Ehepaares Irm -gard Kästl, Bürofachfrau, und Hugo Kästl, Versicherungskaufmann, in Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal  Menschen und Ideen Personen-Lexikon zur Gestalttheoretischen Psychotherapie Die Rubrik Menschen und Ideen  stellt im Sinne eines Personen-Lexikons zur Gestalheoreschen Psychotherapie  in loser Folge Leben und Werk wichger Persönlichkeiten aus der Geschichte der Anwendung der Gestalheorie im Bereich der Psychotherapie, der Klinischen Psychologie und angrenzender Bereiche vor. Bisher wurden in dieser Reihe vorgestellt: Jean M. Arsenian (1914-2007) in 1-2/2012, Junius F. Brown (1902-1970) in 1/2009, Ruth Cohn (1912-2010) in 1/2018, Tamara Dembo (1902-1993) in 2/2014, Frieda Fromm-Reichmann (1889-1957) in 1-2/2013, Molly Harrower (1906-1999) in 1-2/2013, Mary Henle (1913-2007) in 2/2010, Erna Hruschka (1912-1996) in 1/2017, Erwin Levy (1907-1991) in 1/2011, Abraham S. Luchins (1914-2005) in 2/2018, Robert Musil (1880-1942) in 2/2011, Erika Oppenheimer-Fromm (1909-2003) in 1-2/2013, Maria Ovsiankina (1898-1993) in 1-2/2012, Gabriele Wartensleben (1870-1953) in 1/2010, Beatrice Ann Wright (1917-2018) in 2/2017, Georges Wollants (1941-2018) in 2/2018 und Bluma Zeigarnik (1901-1988) in 1-2/2012. Foto: Rainer Kästl 2005 München geboren; aufgewachsen ist er in Speyer (Rheinland-Pfalz), wo er auch zur Schule ging. Dem Abitur folgte von 1967 bis 1969 ein Stu - dienversuch in Elektrotechnik und von 1969 bis 1975 ein Studium der Psychologie mit Schwerpunkt klini - sche Psychologie an den Universitä - ten München und Mannheim.Zu seinen ersten Psychologie-Pro - fessoren zählte der Gestaltpsycho - loge Kurt Müller (1921-2015): Dieser „sprach hochinteressant über wahrnehmungs-, movaons-, denk- und lernpsychologische Experimente und über die daraus resulerenden Er - kenntnisse. Als junger Student war ich davon begeistert, den Begri ‚Gestalt - theorie‘ habe ich damals nicht gehört. Erst ein Jahrzehnt später ist mir gedäm- mert, dass Prof. Müller ausschließlich Experimente und Forschungsergebnisse der Gestalheoreker der Berliner Schu - le aus den 1920er und ersten 1930er Jahren vorgetragen hae; Lewin kam o vor – auch mit Zeigarnik, Köhler mit sei - nen Schimpansen-Versuchen, und vie - le andere bekannte Namen. Also mein erster Hochschullehrer war Gestalhe - oreker und ich habe ihn dann bei den wissenschalichen Arbeitstagungen der Gesellscha für Gestalheorie und ihre Anwendungen (GTA) in den1980er und 1990er Jahren noch häuger treen kön - nen und vom ihm in zahlreichen Gesprä - chen lernen dürfen.“ (Kästl 2010b, 34). Am 13.5.1975 beendete Rainer Kästl sein Studium an der Universi- tät Mannheim als Diplom-Psycho - loge (Lehrstuhl Prof. Grofmann. Diplomarbeit:  Zum Problem der In - varianz bei der Intelligenzmessung ). An das Studium schloss sich von 1975 bis 1979 eine Aus- und  54 1/2019 Wei terbildung in Psychodrama bei Dr. Grete Leutz am Moreno-Ins - tut Überlingen am Bodensee und Dr. Uwe Seeger von der Fachab - teilung Psychodrama in der Hardt - waldklinik II für Psychotherapie und Psychosomak an. Nahezu parallel dazu, von 1976 bis 1980, absolvierte Rainer Kästl eine Aus- und Weiterbildung in Gestalhe - rapie bei Dr. Hans-Jörg Süß, Dr. Ulrich Schurmann, Dr. Victor Chu, Prof. Dr. George Brown u.a. am Instut für Integrave Gestalhe - rapie Würzburg (IGW). Während dieser Gestalherapie-Ausbildung kam es im Zusammenhang mit der obligatorischen Einzel-Lehr- analyse auch zur Begegnung mit Dr. Hans-Jürgen P. Walter und dessen Anliegen, der Gestalheo - Menschen und Ideen rie wieder zu der ihr zustehenden Bedeutung zu verhelfen; darauf gründete dann auch ihre folgende Zusammenarbeit. Neben seiner psychotherapeu -schen Aus- und Fortbildung arbei-tete Rainer Kästl zuerst zwei Jahre hauptberuich als Psychologe in einer Tiefenpsychologischen Praxis - gemeinscha in Ludwigshafen-Neu - hofen, nach der Anerkennung als Klinischer Psychologe durch den Berufsverband Deutscher Psy - chologen BDP / Sekon Klinische Psychologie von 1977 bis 1982 freiberuich als Einzel- und Grup - pentherapeut in Praxisgemein - scha mit der Gestalherapeun Dr. Monica Stäner-Kayser (jetzt Ullmann) in Mannheim. In dieser Zeit leitete Rainer Kästl Selbster - fahrungsgruppen für den Drogen - verein Mannheim und Psychodra -ma- und Rollenspielseminare für Berufstäge im sozialen Bereich am Sozialzentrum Nürnberg. Weiters war er in der schulpsychologischen Beratung von Schülern, Eltern und Lehrern im Hebelgymnasium in Schwetzingen täg. 1982 bis 1985 arbeitete Rainer Kästl als freiberuf- licher Psychotherapeut (Einzel- und Gruppenarbeit, Supervision) in Pra - xisgemeinscha mit Dr. Victor Chu (Lehrtherapeut für Gestalherapie am IGW) in Heidelberg.1985 übersiedelte Rainer Kästl mit seiner Frau Marigret nach Lindau am Bodensee, wo sie in den folgen-den Jahren ihre beiden Kinder auf- zogen. In Lindau gründete Rainer Kästl seine eigene freiberuiche Praxis für Psychotherapie und Su - pervision, in der er bis heute täg ist. Dabei erstreckt sich sein „Ein - zugsgebiet“ auch auf Vorarlberg, wo er für eine Reihe psychosozialer Einrichtungen ¬– von der Österrei-chischen Aids-Hilfe bis zu diversen Facheinrichtungen der Suchtkran - kenhilfe – als Supervisor täg war und ist. Neben seiner Ausbildertägkeit für Gestalheoresche Psychothera - pie in Deutschland und Österreich, auf die ich noch zu sprechen kom - me, war Rainer Kästl seit 1988 als Lehrtherapeut für Einzelanalysen in der Gestalherapie-Ausbildung beim Instut für Gestalherapie und Gestaltpädagogik Berlin (IGG), seit 1991 als Lehrsupervisor des Fritz-Perls-Instuts Düsseldorf für Einzel-Lehrsupervision im Bereich der Supervisorenausbildung sowie seit 1991 als Lehrtherapeut und Lehrsupervisor des IGW täg. Seit 1992 ist Rainer Kästl in die öster - reichische Psychotherapeutenliste sowie in die Liste der Klinischen Rainer Kästl 2008 in seiner Praxis in Lindau. Auf der Kommode im Hintergrund die Replik einer Plask von Giacome, seines Lieblings-Künstlers.  55 Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal  „Arbeitskreis für gestalheore - sch begründete Psychotherapie“ fest und bleibt so bis zur Umwand- lung dieses Arbeitskreises in die „Sekon Psychotherapie der GTA“ im Jahr 1986. Diese hae Bestand bis 2009. Mit ihrer fakschen Auf  - lösung 30 Jahre nach Gründung des Arbeitskreises ging die Ver -antwortung und organisatorische Trägerscha für das Projekt Ge - stalheoresche Psychotherapie vollständig auf die ÖAGP über. Über alle personellen, strukturel len und inhaltlichen Veränderungen dieser vier Jahrzehnte hinweg blieb ein  Name konstant: Rainer Kästl.Rainer Kästl war 1979 Mitbegrün - der des „Arbeitskreises für ge - stalheoresch begründete Psy -chotherapie“ und gehörte schon dessen erstem gewählten Leitungs- gremium an.² Dieses setzte sich in den ersten zwei Jahren zusammen aus: Dipl.-Psych. Dr. Hans-Jürgen P. Walter, Dipl.-Psych. Rainer Kästl, Pfarrer August Dahl, Prof. Dr. Ger - hard (Heik) Portele, Dr.med. Dieter Scharath. Walter war der erste Vorsitzende des Arbeitskreises und blieb in dieser Funkon die ersten zwanzig Jahre akv. Kästl war in diesen Jahren sein Stellvertreter und übernahm die Leitung der dann schon zur Sekon Psychotherapie der GTA gewordenen Gemeinscha (1999). Er blieb in dieser Funkon bis 2007.³ Die 1994 gegründete DAGP leitet Rainer Kästl bis 2006 als Vorsitzender.⁴ Im Gefolge der deut - schen Psychotherapiegesetzgebung (1999) und deren Ausgrenzung von Verfahren und Personengruppen, die bis dahin die psychotherapeu - sche Qualizierung und Versorgung wesentlich mitgetragen haen, geriet die DAGP allmählich in eine Krise, wurde zunehmend margina- lisiert und Zerfallserscheinungen machten sich bemerkbar. In Öster - reich kam es einige Jahre später zu einem Konikt um den Kurs in der Weiterführung der Ausbildung zwischen Walter und dem Lehr- gremium der ÖAGP, der schließlich auch zum Ausscheiden von Walter führte. Diese beiden Entwicklun -gen unter zugleich schwierigen äu- ßeren Bedingungen brachten das Projekt Gestalheoresche Psycho - therapie in eine Situaon ernster Existenzbedrohung. Wieder war es Rainer Kästl, der damals – gemein-sam mit mir – die Sache in die Hand nahm und 2006 die Gründung der Graduiertenakademie der ÖAGP iniierte. Aus deren Arbeit an der krischen Aufarbeitung der Krise und an der inhaltlichen Ausrichtung ging schließlich eine neue Genera - on von LehrtherapeutInnen für Gestalheoresche Psychothera -pie in Österreich hervor, verbunden mit einem neuen Schub sowohl für die Neugestaltung der Ausbildung (umgesetzt ab 2009) als auch für die inhaltliche Weiterentwicklung der Methode. Diese hat sich seit - her vor allem in der Zeitschri   Phänomenal  , in verschiedenen Buchbeiträgen und Kongressteil- nahmen niedergeschlagen.Psychologen und Gesundheitspsy - chologen eingetragen. Vor allem über seine psychotherapeusche Ausbildertägkeit in Österreich kam es damit zu einer weiteren Ausdehnung seines therapeu - schen und supervisorischen Täg - keitsgebiets auch auf Wien. Rainer Kästl und die Entwicklung der Gestalheoreschen Psychotherapie Vor nunmehr 40 Jahren, am 10.6.1979, entstand die erste orga - nisatorische Plaorm für die Ent - wicklung der Gestalheoreschen Psychotherapie im engeren Sinne¹ mit der Gründung des „Arbeits - kreises für gestalheoresch be - gründete Psychotherapie“. Ihr war ein Jahr zuvor die Gründung der Gesellscha für Gestalheorie und ihre Anwendungen  (GTA) auf Ini - ave von Kurt Guss, Friedrich Ho - eth, Walter Piel, Michael Stadler, Jürgen Steinkop und Hans-Jürgen P. Walter vorausgegangen. In den Dokumenten zur Entste - hung des Arbeitskreises wechselt die dafür verwendete Bezeich- nung immer wieder: Mal heißt er „Arbeitskreis für wissenschali - che Gestaltpsychotherapie“, mal „Arbeitskreis Gestalheorie und Psychotherapie“, mal „Arbeitskreis für Klinische Psychologie / Gestalt - theoresch begründete Psycho - therapie“, mal „Arbeitskreis für ge - stalheoresche Psychotherapie“. Letztlich setzt sich die Bezeichnung 1  Mit Gestalheorescher Psychotherapie im engeren Sinne  ist der Ansatz gemeint, der unter dieser Bezeichnung ab Ende der 1970er-Jahre vorerst im deutschsprachigen Raum entwickelt wurde. Die Geschichte der klinisch-psychotherapeuschen Anwendung der Gestalheorie und damit die Ge - schichte der gestalheoreschen Psychotherapie im weiteren Sinn  gehen demgegenüber bis in die 1920er-Jahre zurück und umfassen Entwicklungen in einer Vielzahl von Ländern. ² Dieses wurde am 8.11.1979 gewählt. Als Koordinatorin des Arbeitskreises fungierte bis zu dieser Wahl Elfriede Heimburger (heute Dr. Elfriede Biehal-Heimburger), eine der späteren Mit-BegründerInnen der ÖAGP und langjährige Lehr-Supervisorin in der ÖAGP-Ausbildung, bevor sie sich ganz auf ihre Aufgaben in der von ihr mitaufgebauten Organisaonsberatungsrma Trigon zurückzog (siehe dazu auch das Interview: Biehal-Heimburger & Punzengruber-Sonntag 2015).³ Andere über viele Jahre täge Mitglieder des Leitungsgremiums waren Dipl.-Sozialwirt Hans-Rainer Hubbes (1984-1994), Dipl.-Psych. Ulrike Hens - gen (1986-1994), Dipl.-Psych. Waltraud Zillig (1988-1992), DDr. Dieter Zabransky (1990-2007), Dr. Eva Wagner-Lukesch (1994-2007), Dr. Gerhard Stemberger (1994-2007), Dipl.-Psych. Bernd Gerstner (2003-2008).⁴ Ihm folgte in dieser Funkon 2006 Dipl.-Psych. Dr. Thomas Fuchs (2006-2008).  56 1/2019 Menschen und Ideen Rainer Kästl war für alle Aspekte dieser neuen Phase in der Entwick - lung des Projekts Gestalheore - sche Psychotherapie eine bestän - dige verlässliche Iniavkra und Stütze. In solchen Übergangszeiten besteht immer die Gefahr, dass auch über Bord geworfen wird, was bewahrenswert ist – Rainer Kästl wirkte dem beharrlich und auch erfolgreich entgegen. Dazu gehören wesentlich auch seine in dieser Periode erschienenen Pu - blikaonen zu Grundkonzepten der Gestalheoreschen Psycho - therapie, darunter: Zu den „Ethi - schen Implikaonen verschiedener psychotherapeuscher Schulen“ (2010), zu den „Anwendungen der Gestalheorie in der Psycho - therapie“ (2011), „Zur Therapeu - n-Klienn-Beziehung“ (2011), zu „Überlegungen zu zwei Interven - onstechniken und ihren Zielen: Szenische Darstellung und Dialog mit dem leeren Stuhl“ (2014), zu „Religiösen und spirituellen The- men in der Psychotherapie“ (2018).Hans-Jürgen P. Walter hae seit Mie der 1970er-Jahre das Projekt einer gestalheoresch begründe - ten Psychotherapie zu formulieren begonnen und dafür 1977 in sei - ner Dissertaon „Die Gestalheo - rie als wissenschaliche Grundlage psychotherapeuscher Praxis und ihre Beziehung zu psychotherapeu - schen Ansätzen der Gegenwart“ einen theoreschen Aufriss skiz - ziert. 5  Aber psychotherapeusche Methoden werden nicht durch Pu - blikaonen begründet und entwi - ckelt, sondern durch Menschen mit Ideen und Zielen und dem Willen, für deren Enaltung einzutreten und zusammenzuarbeiten. Neben 5  Als Buch erschienen unter dem Titel „Gestalt - theorie und Psychotherapie“. Erste Auage 1977 im Steinkop Verlag. Darmstadt. Zweite, erweiterte, und drie Auage: Westdeutscher Verlag, Opladen 1985, 1994.   Hans-Jürgen P. Walter war Rainer Kästl – mit anderen Schwerpunk -ten und letztlich mit dem längeren Atem – die zweite besmmende Figur dieser Entwicklung. Um die Rolle von Rainer Kästl für die Entwicklung der Gestalheore - schen Psychotherapie zu verste -hen, muss man nicht in erster Linie auf seine Publikaonen schauen, sondern das Augenmerk auf seine Leistung in drei Bereichen lenken, ohne die es die Gestalheore - sche Psychotherapie im engeren Sinn heute wohl nicht mehr geben würde: Seine Leistung für die „Be- wahrung der Instuonen“ (dar - auf komme ich noch zurück), seine Rolle als Therapeut in der Aus-bildung und „Menschenbildung“ mehrerer Generaonen von The - rapeutInnen in Deutschland und Österreich, seine Beständigkeit, in sachlicher Weise Kurs zu halten in der inhaltlichen Weiterentwicklung des gestalheoresch-psychothe - rapeuschen Ansatzes. Diese drei Bereiche sind eng miteinander ver- woben. Um das zu verstehen, ist es erforderlich, sich zumindest in einigen Grundzügen die historische Entwicklung vor Augen zu führen. Anmerkungen zur Geschichte Rainer Kästl selbst hat 1999 anläss-lich der Mitgliederversammlung und des zwanzigjährigen Beste- hens der Sekon Psychotherapie der GTA einen Vortrag gehalten, den ich nach wie vor für sehr le- senswert halte: „Rückblick auf die Entwicklung der Gestalheo - reschen Psychotherapie“ (Kästl 2002). Er stellt darin fest: „Die Gründung der GTA und des Arbeits - kreises Psychotherapie ist nicht als ein isoliert zu betrachtendes Ereignis im wis- senschalichen und psychotherapeu -schen Bereich anzusehen, sondern auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Psychotherapie in dieser Zeit zu verstehen. In den Siebziger Jahren kam Bewegung in die Psychotherapie und die psychotherapeuschen Verfahren. Neue Verfahren wie Gesprächstherapie, Gestalt-Therapie, Psychodrama und kör - pertherapeusche Ansätze wurden in Europa bekannter und gewannen sehr schnell an Bedeutung; die der humanis - schen Psychologie zugeordneten Verfah - ren schienen den etablierten Psychothe - rapieschulen den Rang abzulaufen. Die Verhaltenstherapie wurde durch Veröf  - fentlichungen von Bandura (1976) oder Mahoney (1977) deutlich verändert, so dass man den Menschen jetzt von den Pawlowschen Hunden unterscheiden konnte. Die Psychoanalyse tat sich schon immer mit Veränderungen besonders schwer (..), aber auch hier waren Verän - derungen sichtbar. Die Diskussion über die Grenzen der Verfahren hinweg zeig - te sich in Veröentlichungen wie z. B. in dem viel gelesenen Buch „Psychoanaly - se und Verhaltenstherapie“ (Bachmann 1972), auf einer anderen Ebene Fromms „Zen-Buddhismus und Psychoanalyse“ (1974). (…) [Dabei] soll durchaus einge -räumt werden, dass auch in den Siebzi- ger Jahren Ignoranz und Arroganz der Beteiligten o genug den Dialog und die sinnvolle Auseinandersetzung mit ver- schiedenen psychotherapeuschen Kon - zepten verhindert hat. Trotzdem war bei vielen die Bereitscha spürbar, überzo - gene Abgrenzungen und alte spekulave theoresche Konstrukte in Frage zu stel - len und neue Konzepte zu diskueren, um Gemeinsamkeiten im theoreschen Verständnis und im therapeuschen Vorgehen zu nden. Und in diesem im Vergleich zu heute – insbesondere auf Deutschland bezogen - durchaus inter - essierten und oenen Umfeld wurde die GTA und dann der Arbeitskreis Psycho - therapie gegründet.“ (Kästl 2002, 216f). Einige wenige Veröentlichun gen sowie interne Dokumente aus dieser Gründungszeit zeigen, wie schwierig dieses Unterfangen war und wie wechselha in den ersten Jahren sowohl die eigenen Vorstellungen dazu wie auch die personellen und strukturellen Rahmenbedingungen für dessen Umsetzung waren. Ich führe davon nur die folgenden an: Die Iniatoren und wichgsten Protagonisten des Unternehmens  57  Zeitschrift für Gestalttheoretische Psychotherapie Phänomenal  Rainer Kästl bei der GTA-Tagung in Karlsruhe 2003 kamen praksch alle aus dem Feld der Gestalt-Therapie. Hans-Jür - gen P. Walter hae seine gestalt - therapeusche Qualikaon am Fritz-Perls-Instut (FPI) bei Hila - rion Petzold erworben und war dort auch bereits Trainer in Aus- bildungsgruppen gewesen. Rai - ner Kästl wiederum hae seine gestalherapeusche Ausbildung am IG Würzburg bei Hans-Jörg Süß und anderen absolviert. Auch Heik Portele (Professor für Hoch - schuldidakk an der Universität Hamburg), ebenfalls im ersten Leitungsgremium des Arbeitskrei - ses, war dem IGW verbunden und leitete dort später Ausbildungs- gruppen. August Dahl kam vom FPI, Scharath vom IHP (Instut für Humanissche Psychologie in Eschweiler), gegründet von Klaus Lumma, ebenfalls einem Gestalt - therapeuten. Das ist insofern be - merkenswert, als sich in der GTA und ihrem Umfeld (Beratende Herausgeber der Gestalt Theory  ) damals durchaus auch Personen mit anderem psychotherapeu -schen Schulen-Hintergrund befan- den – von Individualpsychologen bis Verhaltenstherapeuten; auch die früher geäußerten Präferen - zen namhaer Gestaltpsychologen wie etwa des GTA-Ehrenvorsit -zenden Wolfgang Metzger gingen klar in Richtung anderer Schulen (Individualpsychologie Adlers, personzentrierter Ansatz Rogers‘, gestalheoresch interpreerte Neo-Psychoanalyse). Die Initiative für ein Projekt einer gestalttheoretisch begründeten Psychotherapie lag nun allerdings ganz eindeutig bei Personen aus dem Feld der Gestalttherapie. Die erste Zeit war durch einen raschen Wechsel zwischen unter- schiedlichen Perspektiven ge - kennzeichnet, die auch in den unterschiedlichen Bezeichnungen des Arbeitskreises (siehe oben) anklingen. Sollte es um ein Projekt gestalttheoretisch begründeter Gestalttherapie gehen (die sich dabei mit Interventionsweisen aus anderen Methoden anreichert, soweit diese mit der Gestalttheo - rie vereinbar sind)? Oder sollte es um einen neuen integrativen An-satz gehen, in den sich zwar auch die Gestalttherapie einbringt, aber eben nur als ein Teil des Dia - logs verschiedener Schulen? Und wie sollte Integration überhaupt verstanden werden – bloß als „Kombination therapeutischer In - terventionsformen“, als „psycho - therapeutischer Eklektizismus“, wie es im Zusammenhang mit der ersten Psychotherapie-Werkstatt 1980 noch hieß? 6 Diese Fragen der inhaltlichen Zielsetzungen und des Integra - 6  Siehe dazu Heimburger 1979 und Pauls & Pauls 1980. ons verständnisses 7  waren von Anfang an verochten mit ver -schiedenen persönlichen und instuonellen Interessen. Am stärksten zeigte sich das im rasch umgesetzten Vorhaben des neu - gegründeten Arbeitskreises, im Rahmen der GTA eine Psychothe - rapieausbildung zu organisieren. Aufgrund der Vorbildung der da - ran leitend Beteiligten war klar, dass es sich dabei um eine Ge - stalherapie-Ausbildung, ergänzt um gestalheoresche Hinter - gründe handeln würde. Die ersten Ausbildungsgruppen haen dem - 7  Ein Verständnis, das sich von dem schon da - mals anderen und auch dierenzierteren Ver - ständnis von Methodenintegraon etwa von Hilarion Petzold unterschied. Erst allmählich er - folgte auch in der Gestalheoreschen Psycho - therapie der Übergang von kombinatorischen und eklekzisschen Vorstellungen zu einem Integraonsverständnis, wie es gerade Hilarion Petzold schon seit langem vertreten hae. Das zeigt sich unter anderem in der zunehmenden Übernahme von Petzolds „Tree of Science“ (Petzold 1993, 476) und dessen Implikaonen in die konzeponelle Weiterentwicklung der Gestalheoreschen Psychotherapie.
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